Wiederaufbauprogramm
Milliarden für Afghanistan

Nun liegen die ersten Zahlen auf dem Tisch: 6,5 Milliarden Dollar werden in den nächsten fünf Jahren für den Wiederaufbau Afghanistans erforderlich, schätzen die Vereinten Nationen. Angesichts der vielfachen Unwägbarkeit bei der wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung des völlig zerstörten Landes eine mutige Schätzung, die wohl eher am untersten Rand der Erwartungen liegt.

Nach einer Hochrechnung der Weltbank auf Basis früherer Programme etwa für Bosnien dürften bis zu 20 Milliarden Dollar benötigt werden. Trotz dieser gewaltigen Zahlen bestehen keine ernsten Zweifel, dass die Staatengemeinschaft diese Summen aufbringen wird. Gerade Deutschland drängt sich nun mit Macht in den Vordergrund: Berlin hat nicht nur angeboten, die kurzfristigen EU-Hilfen für dieses Jahr vorzufinanzieren, sondern will auch den Posten eines europäischen Beauftragten für Afghanistan mit einem eigenen Diplomaten besetzen. Da versteht sich von selbst, dass Deutschland einen substanziellen finanziellen Beitrag zum Wiederaufbauprogramm leisten muss. Wenn die geplanten Beratungen der afghanischen Stammesfürsten über die Bildung einer breiten Übergangsregierung am kommenden Wochenende offenbar in Berlin stattfinden sollen, ist das allerdings kein Beleg dafür, dass Deutschland bei der Konzeption des Nachkriegs-Afghanistans eine wichtige Rolle spielt. Ganz im Gegensatz: für die Ausrichtung der Konferenz wurden nach einem möglichst neutralen Standort gesucht, der allen beteiligten Parteien akzeptabel erschien.

Dass die Wahl aber auf Berlin und nicht Genf oder Wien fiel, hat allerdings auch etwas mit dem guten Ruf Deutschlands in Afghanistan zu tun, wo es in den 60er und 70er Jahren mit Entwicklungshilfe und Direktinvestitionen stark präsent war. Das ist ein Pfund, mit dem sich auch heute noch wuchern lässt und dass die Bundesregierung einsetzen sollte, um Einfluss auf die Neuordnung Afghanistans zu bekommen. Vielleicht ließe sich damit verhindern, dass das Land am Hindukusch nach dem Libanon, nach Ost-Timor oder nach Bosnien zu einem weiteren schwarzen Loch für die internationalen Hilfsgelder wird - auch wenn die Chancen dafür schlecht stehen.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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