Wiederaufführung von Idomeneo
Sturm im Wasserglas

Nach 20 Sekunden war der Spuk vorbei: Die umstrittene Wiederaufführung der Mozart-Oper Idomeneo in Berlin verlief weit weniger aufgeregt als von den Medien erwartet.

BERLIN. Vor der Tür der Deutschen Oper in Berlin hält Horst Stutz unverdrossen sein Transparent in das Blitzlicht der Fotografen. "Kunstfreiheit oder Jesus Christus ?" fragt der Protestant darauf und fordert Respekt vor dem Glauben. Ihm gehe es nicht um die Integrität von Mohammed, sondern um die von Jesus Christus. Leierkastendreher Thomas Gostischa gibt daneben den Meckie Messer. Intoleranz habe er in Kreuzberg lange genug erlebt. "Damit muss Schluss sein", sagt er.

Den ganzen Aufwand hätten sich Stutz und Gostischa vor der Neuauflage der Mozart-Oper "Idomeneo" sparen können. Der viel beschworene Skandal verpufft nach einer durchaus angespannten Stimmung im Publikum. Nach knapp drei Stunden schleppt der gerade entthronte Kreter-König Idomeneo blutverschmiert ein Bündel auf die Bühne und sich selbst dem integrationspolitischen Höhepunkt entgegen. Noch bevor er die Häupter der Religionsstifter Jesus, Buddha, Mohammed und von Poseidon auf den Stühlen platzieren kann, hallt es von links aus dem Parkett "Buh". Dann rafft sich noch einer auf und schickt laut "aufhören" hinterher. Die Reaktion folgt auf den Fuß: Beifallsbekundungen und Applaus von rechts. Höchstens 20 Sekunden, dann ist der Spuk vorbei und entpuppt sich in der nach oben offenen medialen Aufgeregheitsskala als das, was er ist: ein Sturm im Wasserglas.

Das wurde zuvor kräftig geschüttelt. Intendantin Kirsten Harms hatte die provokative Inszenierung von Hans Neuenfels wieder angesetzt, nachdem das Stück wegen befürchteter islamistischer Anschläge abgesetzt worden war. Absurd dabei: Es gab keine konkreten Proteste.

Die Geschichte der Oper ist schnell erzählt. Der Kreter-König gerät in einen Sturm. Poseidon rettet ihn, und Idomeneo verspricht als Dank, den ersten Menschen zu opfern, der ihm nach seiner Ankunft begegnet. Wie kann es anders sein? Es ist sein Sohn Idamante. Letztendlich lenkt Poseidon ein, und Idomeneo kann sich dank der Köpfungsidee von Neuenfels Luft machen.

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