Wiederentdeckung der Windenergie in den USA
Windkraftbranche setzt zum Höhenflug an

Ob in Europa, in den USA oder in Asien, die Windenergiebranche befindet sich auf Wachstumskurs. Nach den Prognosen der "Windenergie-Studie 2002", die die Hamburger Messe in Auftrag gegeben hat, wird die installierte Windleistung weltweit von heute 25000 auf 120000 Megawatt bis zum Jahr 2010 ansteigen. Vor allem in den USA macht die Windenergie wieder einen großen Sprung nach vorn.

Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wäre ohne die Windenergie längst nicht das geworden, was es heute ist, so die Ansicht vieler amerikanischer Energieexperten. Zumindest der "Wilde Westen" wäre heute noch trocken, staubig und ausgedörrt. Tausende Windräder verwandelten die "Great American Desert" im Westen der USA zu den "Great Plains", der mit riesigen Weizenfeldern bedeckten Kornkammer der Vereinigten Staaten. Denn nur mit der Kraft des Windes war die künstliche Wasserförderung aus tiefen Brunnen möglich. Das war vor rund 150 Jahren. Windräder "Made in USA" waren damals Exportschlager, wurden nach Süd- und Mittelamerika, aber auch nach Europa exportiert.

Kohle und vor allem das Öl schafften neue Möglichkeiten der Energieversorgung, die Windenergie fiel zurück. Erst unmittelbar nach der ersten Ölkrise zu Beginn der 70er Jahre entdeckten die US-Regierung unter Präsident Richard Nixon wieder ihre Vorliebe für das gigantische Windpotenzial des Landes. "Das amerikanische Potenzial für die Windenergie ist vergleichbar mit dem Potenzial für Erdöl in Saudi-Arabien", so der Verband der amerikanischen Windenergiebranche, die American Wind Energy Association (AWEA).

Mit dem 1973 verabschiedeten U.S Federal Wind Energy Program wollte man vor allem eine Reduktion der Erdölimporte erreichen. Erklärtes Ziel war die Entwicklung von Großwindanlagen. Nicht irgendwelche kleinen Mittelständler sollten die US-Windturbinen der Zukunft entwickeln. Konzerne wie General Electric, Boeing, Lockheed, Westinghouse, Grumman Aerospace und McDonnel Douglas stiegen in das Projekt ein und investierten Millionen Dollarbeträge. Die Vorgabe der NASA war klar, die Turbinen sollten Strom für etwa fünf US-Cent pro Kilowattstunde produzieren. Boeing entwickelte innerhalb von drei Jahren einen Riesenpropeller mit einer Leistung von 2,5 Megawatt (MW) und einem Rotordurchmesser von rund 100 Metern. Im Dezember 1980 konnte das Windkraftwerk in Betrieb genommen werden.

Heute produzieren alle großen Hersteller in der Windkraftbranche Turbinen mit einer technischen Leistungen von ein bis 2,5 MW. Vor 20 Jahren hatten die Entwicklungsingenieure von Boeing und General Electric Entwürfe in der Schublade, die sich mit der industriellen Serienfertigung von Windrädern mit einer Leistung von sieben MW befassten. Erst auf Druck der NASA reduzierten die Boeing-Ingenieure die Leistung der Turbine auf 3,2 MW. Bis Mitte der 90er Jahre produzierte das Ökokraftwerk auf der Insel Oahu auf Hawaii sauberen Windstrom.

Die großen US-Konzerne stiegen Ende der 80er Jahre aus der Windenergie aus. "Das amerikanische Windenergieprogramm scheiterte, weil die Schwierigkeiten und Probleme erheblich unterschätzt wurden und die NASA glaubte eine vermeintlich simple Technologie in kurzer Zeit im großtechnischen Maßstab zu kommerzieller Reife führen zu können", so der Windenergie-Experte Matthias Heymann. Ähnliche Erfahrungen wie Boeing in den USA machte in Deutschland MAN mit dem GROWIAN (Leistung 3 MW). Neben dänischen Turbinenbauern waren es kleine deutsche Firmen wie Tacke aus Salzbergen und Enercon aus dem ostfriesischen Aurich, die der Windenergie technisch zum Durchbruch verholfen haben. Klein anfangen und Schritt für Schritt weiterentwickeln, das war die Devise der neuen Turbinenschmieden nach dem GROWIAN-Desaster. Der Erfolg nach 15 Jahren ist beachtlich: ein bis zwei Megawatt-Anlagen gehören mittlerweile zum Standardprogramm der Windmühlenbauer hier zu Lande.

Und die Amerikaner? Die sind nach 20 Jahren Abstinenz wieder im Windgeschäft dabei, mischen eifrig. Tacke wurde vom US-Energiekonzern Enron aufgekauft. Nach der Enron-Pleite ist die deutsche Enron-Windsparte von General Electric übernommen worden und wird unter GE Wind Energy künftig weltweit Windräder vertreiben. Das neue Flaggschiff der Ex-Enron-Windschmiede hat 3,2 MW Leistung für Standorte an Land; für die maritime Nutzung ist ein Riesenpropeller mit 3,6 MW serienreif entwickelt worden. Damit ist General Electric heute da, wo Boeing bereits 1980 war. Der feine Unterschied: heute gibt es in den USA und weltweit einen riesigen Markt für die Windmühlen. "Wir rechnen mit einem jährlichen Wachstum von 20 Prozent", meint Steven Zwolinski, Chef der GE Wind Energy.

Allein im vergangenen Jahr wurden in den USA neue Windturbinen mit einer Leistung von 1635 MW errichtet. Dabei handelte es sich insbesondere um Großprojekte in Texas und Washington. Rund 4300 MW Windkraftleistung sind zwischen New York und Los Angeles bereits am Netz. Experten der dänischen Beratungsgesellschaft BTM-Consult rechnen damit, dass allein in diesem Jahr über 2500 MW Windkraft in den USA neu ans Netz gehen. Querdenker wie Richard Daley treiben diese Entwicklung mit voran. Daley ist Bürgermeister von Chicago und er will, dass die Millionenmetropole bereits in fünf Jahren ein Fünftel ihres Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien bezieht. "Strom aus Windenergie wird auch dazu gehören", so Daley. Andere Städte und Regionen in den Vereinigten Staaten wollen seinem Beispiel folgen. So will New York bereits bis 2006 zehn Prozent des staatlichen Bedarfs an Energie aus regenerativen Quellen decken.

Noch ist Deutschland bei der Windenergienutzung weltweit führend. Der neue Boom in den USA könnte aber schon bald dazu führen, dass die Amerikaner die Deutschen links überholen. "Die USA verfügen über riesige windreiche und vor allem kaum besiedelte Regionen, wo sich einige Tausend Megwattt Windenergie in den nächsten Jahren installieren lassen", heißt es bei BTM-Consult.

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