Wiegard erwartet baldige EZB-Zinssenkung
Wirtschaftsweiser sieht kein großes Deflationsrisiko

Der Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard sieht anders als der Internationale Währungsfonds (IWF) keine sehr großen Gefahren einer Deflation in Deutschland.

Reuters BERLIN. Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sagte aber am Montag in Berlin, er erwarte nach den schwachen Wachstumsdaten und der geringen Inflationsrate eine baldige Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB). Das Bundesfinanzministerium sieht ebenfalls keine Gefahr von dauerhaft sinkenden Preisen auf breiter Basis. Die im Deutschen Aktienindex (Dax) zusammen gefassten Standardaktien reagierten auf die Deflationswarnung des IWF zu Handelsbeginn mit Abschlägen.

Wiegard: Erwarte EZB-Zinssenkung im Juni oder Juli

Der IWF hatte in einem am Wochenende veröffentlichten Bericht das Risiko eines anhaltenden Preisverfalls auf breiter Front in Deutschland angesichts der Wachstumsschwäche als hoch bewertet. Dabei habe Deutschland selbst nur begrenzte Möglichkeiten, die Gefahren zu bekämpfen. Allerdings könne die EZB die Zinsen senken.

Wiegard sagte, er erwarte eine baldige Zinssenkung der EZB. Diese werde somit auch auf die Deflationsgefahren reagieren. "Eine Zinssenkung im Juni oder Juli von 50 Basispunkten, das ist das, was ich erwarte", sagte er. Der Schlüsselzins, zu dem sich die Banken refinanzieren, liegt derzeit bei 2,50 Prozent.

Nach dem Schrumpfen der deutschen Wirtschaft im ersten Quartal um 0,2 Prozent zum Vorquartal sei die Wachstumsprognose der Regierung von 0,75 Prozent in diesem Jahr nicht mehr zu halten, sagte Wiegard. Ein Wachstum von 0,5 Prozent, wie es die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Gemeinschaftsgutachten erwarteten, liege bereits am oberen Rand des Erreichbaren.

Eichel stellt Deflationsgefahr in Abrede

Das Bundesfinanzministerium geht nach Angaben des Sprechers von Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD), Jörg Müller, nicht von einer deflationären Entwicklung aus. "Wir sehen diese Gefahr nicht", sagte Müller. Eichel selbst hatte am Vortag nach einem Treffen der Finanzminister der sieben führenden Industrienationen (G7) im französischen Deauville gesagt: "Wir haben festgestellt, dass wir nicht von einer Deflationsgefahr ausgehen müssen." Im April hatte die Jahresinflationsrate in Deutschland nur 1,0 Prozent betragen.

Die deutschen Erzeugerpreise sanken im April nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wegen billigerer Mineralölprodukte zum Vormonat. Die an die Hersteller gewerblicher Produkte gezahlten Preise sanken im Vergleich zum März um 0,2 Prozent. Die Jahresteuerungsrate ging auf 1,6 von 1,7 Prozent im März zurück.

Dax reagiert mit Kursabschlägen

Die Angst vor neuen Terroranschlägen, aber auch der Deflationsbericht des IWF, drückte den Dax nach Angaben von Händlern am Montagvormittag ins Minus. Das Börsenbarometer fiel bis zum Mittag um fast drei Prozent auf gut 2 900 Punkte. Auch in den USA waren zuletzt Befürchtungen einer Deflation aufgekommen, nachdem die Notenbank (Fed) sich bei ihrer jüngsten Zinssitzung besorgt über den starken Rückgang der Inflationsraten gezeigt hatte.

In den vergangenen Jahren hatte das Thema Deflation in den USA und Europa praktisch keine Rolle gespielt. Japan dagegen leidet seit Jahren unter der konjunkturschädlichen Abwärtsspirale von sinkenden Preisen und schrumpfender Wirtschaftsleistung. Der Preisverfall schlägt sich nicht nur unmittelbar in fallenden Einnahmen der Unternehmen nieder, sondern führt indirekt auch zu einer sinkenden Nachfrage. Verbraucher verschieben ihre Einkäufe und Firmen ihre Investitionen in der Hoffnung auf einen weiteren Preisrückgang.

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