Wilde Gerüchte führen am Neuen Markt bei kleinen Werten zum Teil zu Kursexplosionen
Überflieger mit kurzer Halbwertzeit

Seinen Ruf als "Spielwiese der Spekulanten" hatte der Neue Markt fast abgelegt. Doch kaum geht es wieder nach oben, sind auch dreistellige Zuwachsraten in kürzester Zeit wieder möglich. Experten warnen jedoch: Oft werden diese Kurse durch Gerüchte getrieben, nur selten stecken solide Nachrichten dahinter.

FRANKFURT/M. Als in der Zeit nach dem 11. September alle Welt mit einem kräftigen Abschlag an den Börsen rechnete und selbst solideste Werte in den Keller rauschten, avancierte am Neuen Markt die bis dahin kaum beachtete Wapme-Aktie zum Überflieger. Von Werten um 10 Euro zog der Kurs des Düsseldorfer Spezialsoftware-Anbieters für Handys, der sich zwei Wochen vorher noch bei 4 Euro bewegt hatte, bis auf 22,49 Euro an. Gestern notierte die Aktie wieder unter 5 Euro. Der Hype bei Wapme entpuppte sich als Strohfeuer.

Wie Wapme finden sich derzeit etliche Unternehmen am Neuen Markt, deren Wert sich in kürzester Zeit verdoppelt oder gar verdreifacht hat. Fundamental ist dies nur schwer zu begründen, meinen Experten. Gemeinsam haben die Werte jedoch eines: Bei allen handelt es sich um kleine Gesellschaften mit einer geringen Zahl frei handelbarer Aktien, die zudem hauptsächlich von Kleinaktionären gehalten werden. Allen gemeinsam sind auch schlechte Unternehmensnachrichten in der Vergangenheit, die die Kurse tief in den Keller geschickt hatten. Die geringen Volumina haben zur Folge, dass schon kleine Aufträge zu außerordentlichen Kursausschlägen führen können. Institutionelle Anleger engagieren sich in solchen Werten so gut wie gar nicht, da sie befürchten, wegen des engen Marktes nicht rasch genug wieder aus den Werten aussteigen zu können.

Bei Wapme waren es Übernahmegerüchte in Internet-Chatrooms, die zum Kursfeuerwerk führten. "Diese Gerüchte waren gestreut" ist sich WGZ-Analyst Paul Sibianu sicher. Allen Unternehmen im Telekom-Umfeld gehe es im Moment schlecht, weshalb er keinen potenziellen Käufer sieht. Deutlich ist sein Urteil für den Anleger: "Ich sehe derzeit keine Notwendigkeit, Wapme zu kaufen".

Übernahmegerüchte führten auch beim Call-Center-Betreiber D+S Online seit Anfang November zu einem Kursplus von etwa 160 %. Dessen ebenfalls klammer Konkurrent Camelot fand nämlich exakt zu dieser Zeit mit CLC einen finanzstarken Partner, der die Mehrheit übernahm. Da D+S Online und Camelot vergleichbare Geschäftsmodelle haben - im Sommer wurde sogar über eine Fusion nachgedacht -, hoffen viele spekulative Käufer nun auf einen ähnlichen Coup bei D+S - bislang vergeblich. Weiterer Hoffnungsschimmer ist ein ausgeglichenes Ergebnis im vierten Quartal, wie vom Unternehmen angekündigt. Doch auch das wird am Jahresende einen Gesamtverlust von 12 Mill. Euro nicht verhindern können.

Noch verwegener trieben es die, die seit Anfang November auf Kleindienst Datentechnik setzten. Um unglaubliche 350 % stiegen die Papiere des Augsburger Systemhauses für Dokumenten-Management seither. Auch hier waren Kleinanleger am Werk. Institutionelle Anleger scheuen wegen des geringen Free Floats gewöhnlich diese Aktie. "Von uns gab es seit August keine Meldung mehr" zuckt Unternehmenssprecherin Monika Bezler nach den Gründen befragt mit den Schultern. Von Analystenseite teilt die Kleindienst-Aktie inzwischen das Schicksal vieler am Neuen Markt. Sie wird bestenfalls noch am Rande beobachtet, offizielle Statements gibt es nicht mehr. Die gestern vorgelegten Zahlen für die ersten neun Monate bestätigten zwar den Aufwärtstrend des Unternehmens - die Verluste wurden auf ein Minimum reduziert -, doch haben viele Spekulanten wohl mit schwarzen Zahlen gerechnet. In der Folge verlor die Aktie knapp 30 %. "Die Zahlen waren nicht schlecht", hieß es von einem Händler. Jetzt wisse man jedenfalls wieder, wo man stehe.

Das weiß der Anleger seit Montag auch bei der Online-Partnervermittlung Matchnet. Deren Aktie hatte in der ersten Novemberwoche 120 % an Wert zugelegt. Am Montag meldete das US-Unternehmen erstmals einen Gewinn auf Quartalsbasis. Im Gegensatz zu den anderen Unternehmen war für den gerade erlebten Anstieg jedoch eine Roadshow in europäischen Finanzzentren verantwortlich. "Gerade Schweizer Investoren zeigten sich sehr interessiert", erzählt Vice President Elmar Bob. Ihnen versprach man einen Umsatz von 20 Mill. US-Dollar und ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 5 Mill. Euro im kommenden Jahr. Für Phantasie dürfte nun auch eine weitere Ankündigung sorgen: "Wir denken über ein Listing an der Nasdaq nach", so Bob.

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