Wilde Kursbewegungen in marktengen Aktien
Heiße Spekulation mit Restposten

Mit der squeeze-out-Regel können Minderheitsaktionäre auch gegen ihren Willen abgefunden werden. Viele institutionelle Investoren haben Listen mit Börsenkandidaten erstellt, bei denen lukrative Abfindungen locken könnten. Privatanleger sollten sich der hohen Risiken bewusst sein.

FRANKFURT/M. Die Aktie von Hapag-Lloyd wurde vergangenen Freitag unsanft aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen. Plötzlich schoss der Titel um fast sechs Prozent auf 910 Euro nach oben. Zuvor hatte er wochenlang bei Tagesumsätzen von wenigen Stücken nahezu auf der Stelle getreten. Die plötzliche Bewegung löste der Touristikkonzern Preussag aus. Er hält 99,6 Prozent an dem Hamburger Schifffahrts- und Transportunternehmen und will jetzt auf 100 Prozent aufstocken. Dazu muss er die verbliebenen rund 300 Kleinaktionäre abfinden. Die Kursbewegungen der vergangenen Tage zeigen, dass der Markt auf eine lukrative Offerte spekuliert. In dieser Woche stieg der Kurs sogar über 1 000 Euro, bevor er auf 975 Euro zurückfiel.

Nicht nur Preussag gibt Anlass für Spekulationen über Abfindungsangebote. In den vergangenen Wochen haben eine ganze Reihe von Unternehmen angekündigt, die Ecken auskehren zu wollen. Das seit dem Jahreswechsel geänderte Aktiengesetz lässt auch so genannte squeeze-outs zu, sprich das Herausdrängen der Kleinaktionäre gegen deren Willen. Die amerikanische VF Corp. will beispielsweise beim Jeansherstellers H.I.S. sportswear für klare Verhältnisse sorgen. Auch die Versicherer Allianz und AMB Holding wollen bei verschiedenen Finanztöchtern aufräumen.

Für die Konzerne liegen die Vorteile beim squeeze-out auf der Hand. Sie sparen Kosten. Die Aufwendungen für die Publizitätspflichten, Hauptversammlungen und die Börsennotiz können leicht "zweistellige Millionenhöhe" erreichen, erklärt Rolf Elgeti, Aktienstratege bei Commerzbank Securities. Er rechnet damit, dass es im Jahresverlauf noch zahlreiche weitere Abfindungsangebote geben wird, denn der Rechtsrahmen sieht jetzt aus Sicht der Manager stabil aus.

Zwar haben die ausscheidenden Minderheitsaktionäre über ein so genanntes Spruchverfahren die Möglichkeit, überprüfen zu lassen, ob die zuvor festgelegten Barabfindungen angemessen sind. Den zwangsweisen Ausschluss als solchen können sie aber nicht mehr stoppen. "Im Prinzip kann man dies auch nicht über eine Anfechtungsklage verhindern", sagt Udo Simmat, Partner bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle.

Nicht wenige Privatanleger sehen jetzt die Chance, an der Börse auf solche Sondersituationen zu spekulieren. Dabei gehen sie davon aus, dass das Abfindungsangebot mit einer saftigen Prämie auf den aktuellen Kurs verbunden ist. Aber diese Rechnung geht in der neuen Rechtslage nicht immer auf. "So ein Barabfindungsangebot muss jetzt nicht immer attraktiv sein. Man orientiert sich nun stärker am Unternehmenswert statt am Marktwert", erläutert Matthias Jörss vom Research bei Sal. Oppenheim. Bis zum Ende des Jahres rechnet er mit rund einem Dutzend solcher Zwangsabfindungen, vorzugsweise im SDax.

Spekulationen auf hohe Abfindungen sind riskant

Auch Rechtsanwalt Simmat warnt davor, auf eine hohe Prämie zu spekulieren. "Das ist gefährlich, denn es kann durchaus passieren, dass das Abfindungsangebot unterhalb des aktuellen Börsenkurses liegt", sagt der Rechtsexperte. Die Basis für die Abfindung sei der "wahre innere Wert" der Gesellschaft auf der Grundlage von Gutachten der Wirtschaftsprüfer. Wenn nun die Börse die Aktie schon sehr weit nach oben getrieben hat, entfernt sich der Marktwert immer stärker vom Unternehmenswert.

Die meisten Analysten raten den Kleinanlegern deshalb davon ab, auf einen squeeze-out zu setzen. So seien etwa die immer wieder gerne genannten Kandidaten wie Hoechst oder RWE-Dea von der Bewertung her "schon weitgehend ausgereizt", findet Elgeti von Commerzbank Securities. Außerdem besteht immer die Gefahr, dass man bis zum Sankt Nimmerleinstag auf den Aktien vermeintlicher Abfindungskandidaten sitzen bleibt.

Bei der Audi-Aktie etwa, die sich innerhalb eines Jahres von 145 auf 318 Euro mehr als verdoppelt hat, stehe ein squeeze-out durch Volkswagen wahrscheinlich nicht an, sagt Bernd Meyer, Aktienstratege beim Equity Research der Deutschen Bank. Zweifel hegt er auch im Fall debitel, die zu Swisscom gehört.

Chancen für Anleger sehen die Aktienexperten aber bei Gesellschaften, derern Mutterkonzerne nur zwischen 80 Prozent und 95 Prozent halten. Hier könnten Aufstockungen den Kurs treiben und ein squeeze-out wäre dann der krönende Abschluss. Die Deutsche Bank hat deshalb auch solche Unternehmen im Blick, bei denen der Streubesitz bis zu 20 Prozent ausmacht. Wenn hier das Abfindungsangebot ausbleibt, hat man immer noch einen Substanzwert im Depot.

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