Wildmoser ist auf dem Weg zu seiner letzten große Bühne
Szenen eines Staatsstreichs

Nach dem Rücktritt von Karl-Heinz Wildmoser als Präsident von 1860 München verhöhnen ihn die Fans.

MÜNCHEN. Karl-Heinz Wildmoser hat seine Hände an das Lenkrad gekrallt. Fäuste trommeln auf die Kühlerhaube, Polizisten eskortieren den Wagen durch die Menge, dumpf dröhnen Gesänge der Fans durch die Scheiben. Viele haben lange auf diese Sekunde gewartet. Der TSV ist wieder frei, schreien sie. Wildmoser lässt sich nicht aufhalten. Er ist auf dem Weg zu seiner letzten großen Bühne. Im Schritttempo steuert er seine Limousine durch die Menschentraube. Dann gibt er Vollgas. In einer Viertelstunde ist er Studiogast im Bayerischen Fernsehen. Als Präsident a.D.

Es ist der Moment, in dem bei 1860 München eine neue Zeitrechnung beginnt, am Ende eines dramatischen Abends. Stunden vorher ist die Stimmung gespalten am Vereinsgelände an der Grünwalder Straße. "Was hat der Wildmoser verkehrt gemacht im Verein?", fragt Monika Güttner vor dem "Löwen-Stüberl", der Vereinsgaststätte. "Ich habe Angst, dass er nicht bleibt, ich habe Angst, dass ein Politiker kommt." Die seien schneller dazu bereit, Schulden zu machen, das habe man in den Achtzigerjahren erlebt.

Auch die Fans von der Grünwalder-Stadion-Fraktion können schlecht vergessen. Seit der Klub auf Befehl Wildmosers seine Heimspiele im Olympiastadion austrägt, hassen sie das Oberhaupt ihres Vereins. Sie haben das oft gesagt, gesungen und geschrieen. Am Montagabend vor dem Klubhaus tun sie es besonders laut. Im gleißenden Licht der Fernsehkameras schauen rund 200 von ihnen und 50 Journalisten hoch zum dritten Stock. Dort findet die Aufsichtsratsitzung statt. Alle warten auf die Entscheidung.

Um kurz nach halb zehn stapfen zwei Gestalten die Treppen hinab. Eine ist Wildmoser. In Sekunden breitet sich die Nachricht aus, er sei zurückgetreten. Jubel bricht aus. Er ist seiner Entmachtung zuvorgekommen. Als Wildmoser wegfährt, treten die Mitglieder des Aufsichtsrates aus dem Gebäude. Dazu zählt Monika Hohlmeier, die Tochter des einstigen bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß. "Wildmoser hat eine ehrenvolle Entscheidung getroffen, die ihm sichtlich schwer gefallen ist", sagt sie. Frau Hohlmeier ist eine gute Rednerin, aber sie muss sich konzentrieren, als sie vor dem Vereinsgebäude spricht. Um sie herum schreien die Fans: "Nie mehr, KHW, nie mehr, nie mehr." Sie sind lauter als Hohlmeier.

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