Wilfried Beeck, Finanzvorstand von Intershop
Interview mit dem Finanzvorstand von Intershop

Prügel für Intershop: Nach Bekanntgabe der Zahlen für das vierte Quartal musste der ehemalige Börsenliebling starke Kursverluste hinnehmen.

Frage: Herr Beeck, hat es Sie überrascht, wie heftig der Kurs nach Vorlage der jüngsten Zahlen gefallen ist?

Nein. Wir haben ein schlechtes Quartal abgeliefert. Statt der von Analysten erwarteten 200 Millionen Euro Umsatz haben wir nur 123 geschafft. Da darf man sich nicht wundern, wenn die Börse das bestraft.

Frage: Sie haben Ihre Gewinnwarnung für das vierte Quartal erst am 2. Januar abgegeben. Warum haben Sie die Anleger nicht schon viel früher informiert?

Auch für uns hat sich diese Entwicklung erst sehr spät abgezeichnet. In unserer Branche kommen viele Aufträge erst kurz vor Quartalsende unter Dach und Fach. Darum haben wir uns noch keine Sorgen gemacht, als US-Kunden Mitte Dezember noch nicht unterschrieben hatten. Aber dann machten wichtige Kunden wie Motorola einen Rückzieher. Der größte Auftrag hatte immerhin ein Volumen von 10 Millionen Euro.

Frage: Warum sind so viele amerikanische Kunden abgesprungen?

Das liegt vor allem am konjunkturellen Abschwung in den USA. Dessen Ausmaß kann man sich in Europa gar nicht vorstellen.

Frage: Ihr Konkurrent Art Technology Group (ATG) legte jüngst allerdings gute Zahlen vor. Wusste ATG mit der Konjunkturflaute besser umzugehen?

ATG hatte einen Vorteil: Viele US-Kunden kaufen in schwierigen Zeiten lieber bei einheimischen Gesellschaften, weil sie glauben, dort besser aufgehoben zu sein. Sowohl ATG als auch Broadvision sind nun einmal amerikanische Unternehmen, die rund 80 Prozent ihres Umsatzes in den USA machen. Wir haben es einfach nicht geschafft, dort auf Platz zwei oder drei zu kommen. Darüber hinaus haben unsere weltweiten Marketingaktionen ihren Zweck nicht erfüllt, obwohl unsere Produkte führend sind. Aber gute Produkte bringen nichts bei einer schlechten Vermarktung. Generell kann man die Situation so beschreiben: In Europa sitzen wir fest im Sattel. In den USA sind wir gerade aus dem Sattel geworfen worden.

Frage: Werden Sie sich jetzt aus den USA zurückziehen, weil Sie sich dort die Finger verbrannt haben?

Nein. Wir wollen in den USA enger mit Vertriebspartnern zusammenarbeiten, die dort stark sind, zum Beispiel Hewlett-Packard. Unsere Abteilungen Marketing, Produktmanagement, Forschung und Entwicklung konzentrieren wir hingegen ganz auf Europa. Generell wollen wir uns aus dem Servicegeschäft zurückziehen und uns mehr der Produktentwicklung widmen.Wir sind ein Software- und kein Service-Unternehmen. Wir werden noch mehr Produktlösungen für einzelne Branchen anbieten.

So wie Broadvision.

Diese Strategie unseres Konkurrenten ist richtig, aber seine Produkte sind vergleichsweise alt.

Frage: Wann wird Intershop wieder profitabel werden?

Wir wollen im vierten Quartal wieder Gewinne machen. Sie werden sehen, dass uns dies auch bei bescheidenen Umsätzen gelingen kann, da wir die Kostenbasis auf ein gesundes Niveau gesenkt haben: 45 Mill. Euro statt 60 Mill. Euro. Wir dürfen die Börse nicht noch einmal enttäuschen. Die Umstrukturierungsmaßnahmen werden sich aber erst ab dem zweiten Quartal bemerkbar machen.

Frage: Wird es weitere Entlassungen geben?

Nein, über die 200 Mitarbeiter hinaus, denen wir Anfang des Jahres gekündigt haben, planen wir keine Entlassungen mehr.

Frage: Wenn die Umstrukturierung nicht gelingt, könnte Intershop zum Übernahmekandidaten werden. Was würden Sie heute sagen, wenn eine Firma wie Siebel anklopfen würde?

Es ist nicht unser Ziel, übernommen zu werden. Das heißt aber nicht, dass man nicht enge Partnerschaften eingehen kann. Wir sind stark in der Technologie, aber eher schwach im Marketing und im Vertrieb. Da suchen wir Partner, die das ausgleichen können. Wir sind mit vielen im Gespräch.

Frage: Einige Analysten sagen, dass von den drei großen E-Commerce-Softwareanbietern - also Intershop, ATG und Broadvision - letztlich nur einer überleben kann. Wie sehen Sie das?

Der Markt ist groß genug für mehrere Unternehmen dieser Art. Von der Entwicklungsgeschichte her befindet sich die Branche sowieso noch in der Steinzeit. Es gibt noch sehr viel Potenzial, vor allem, wenn man sich anschaut, wie groß der Abstand zu Anbietern von betriebswirtschaftlicher Software ist. Wir werden dabei besonders von der starken Stellung in Europa profitieren. Denn hier gibt es noch Aufholbedarf gegenüber den USA, wo sehr viel mehr Unternehmen der "Old Economy" in den E-Commerce investieren. Wir sind in Europa Marktführer und zählen hier z.B. so ziemlich jedes Telekommunikationsunternehmen zu unseren Kunden. Solche Referenzen werden wir stärker herausstellen.

Frage: Wann wird die Steinzeit vorbei sein?

Wenn eine große Anzahl von Unternehmen der E-Business-Branche wie Intershop im Stande ist, in Europa Umsätze von über einer Milliarde Dollar machen zu können.



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