Willingen feiert Sven Hannawald und den Skisprung-Boom
Kreischen im Idyll

Wo Hannawald ist, ist Begeisterung. Auch in Willingen. Der aktuelle Liebling des deutschen Sports stellte seinen "Vorgänger" Martin Schmitt abermals in den Schatten.

Endlich! Endlich ist die Frage beantwortet, die Generationen von Skisportfans seit Jahren bewegt. "Hier ist Behle", prangt es am Sportgeschäft an der Briloner Straße in Willingen, in dem am Wochenende die Kappen von Martin Schmitt als Sonderangebot angeboten wurden. Endlich ist die Suchaktion vorüber, zu der ZDF-Reporter Bruno Moravetz seinerzeit über das Fernsehen aufrief. Behle ist in Willingen. Wo auch sonst? Hier heißt nicht nur das Sportgeschäft Behle, auch der Schanzenmeister (Reiner), der Pressechef (Thomas) und natürlich der Promi. Jochen Behle eben.

Willingen ist ein schmuckes Dörfchen im Hochsauerland von 2 800 Einwohnern. Zählt man die Zweitwohnsitze der besser Betuchten hinzu, kommt man auf 3 700. An den Wochenenden herrscht ein reger Tourismus, der sich im Sommer auf Wanderer und Mountainbiker, im Winter auf Skifahrer konzentriert. Aber einmal im Jahr explodiert das Idyll im Waldecker Upland, dann ist Weltcup-Zirkus. Dann kommen die Herren der Lüfte zur Mühlenkopfschanze und peilen Flüge bis auf 150 Meter an. Dann verzehnfacht sich für drei Tage die Einwohnerzahl in Willingen und sind Quartiere im Umkreis von 60 Kilometern Mangelware. Im Ort selbst können maximal 9 000 Fans beherbergt werden, natürlich auf Jahre fest reserviert.

Der Weltcup im Skispringen bedeutet für Willingen und Umgebung zweierlei. Einmal ist das alles ein riesiger Wirtschaftsfaktor, nicht nur im Gastronomiebereich. Zum anderen darf der Werbewert nicht unterschätzt werden, erfährt dieses Dorf doch eine weltweite Wertschätzung, die unbezahlbar ist. "Würden wir für alle Veröffentlichungen in den Printmedien zahlen müssen, ginge das in die Millionen", weiß Dieter Schütz vom Weltcup-Pressebüro. "Dazu die Fernseh- und Rundfunkpräsenz, das ist schon fast einmalig." Die Willinger müssen aber nicht zahlen, die Medien kommen gern und von allein.

Dorthin, wo der Metzger die Skispringer-Salami anpreist, die Restaurants das Weltcup-Büffet anbieten und ein pfiffiger Konditor den Weltcup-Willi aus Marzipan kreiert hat. Eine kleine Reminiszenz an die über 800 "Free-Willis", ohne die der Weltcup in Willingen undenkbar wäre. Denn die freiwilligen Helfer aus dem Skiclub Willingen, der seine Mitgliederzahl von knapp 600 auf über 1 000 gesteigert hat, sind es, die für den reibungslosen Ablauf verantwortlich sind. "Eine intakte Familie, ein toller Zusammenhalt haben diese Veranstaltung wachsen lassen", meint Dieter Schütz. Und das soll so bleiben. Auch wenn die Konkurrenz im eigenen Land nicht schläft und ebenfalls vom Skisprung-Boom profitieren will. Vier Weltcups finden jährlich in Deutschland statt, die beiden in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen sind durch die Vierschanzentournee fest vergeben. Bleiben derzeit Willingen und Titisee-Neustadt, bis 2003 hat Willingen eine Empfehlung seitens des deutschen Verbandes.

Überflieger Hannawald gewinnt in Willingen

Sicherlich sehr zur Freude der Aktiven, die gern nach Willingen kommen. Allen voran Sven Hannawald, der Überflieger dieses Winters. Am Samstag setzte der Grand Slam-Gewinner auf den vier Schanzen seinen fünften Triumph in Serie. Und mit seinen Flügen auf 141,5 und 148 Meter sorgte er mit dem ersten deutschen Weltcup-Erfolg in Willingen für ein weiteres Novum. "Absolut beglückt" war er nach der Show vor 40 000 Zuschauern, bei der er die Finnen Hautamäki und Lindström auf die Plätze verwies. Gestern im Mannschaftsspringen reichte es dagegen nur zu Rang drei hinter den Österreichern und den Finnen.

Für Hannawald endete damit ein stressiges Wochenende, denn auch abseits der Schanze ist er zunehmend gefordert. Die Heiratsbörse hatte wieder Hochkonjunktur, junge und bisweilen auch ältere Damen kreischten und schenkten ihrem "Hanni" ihr Herz, wenn auch nur durch Stofftiere. Stets und ständig eine Woge der Begeisterung, wenn Hannawald sich nur zeigte. Der Mann ist als Ehemann und Schwiegersohn gefragt.

Und dass er auf dieser Woge auch die richtige Luft bekam, um ganz nach vorn zu springen, freute den 27-Jährigen aus Hinterzarten ganz besonders. "Ich möchte bis Olympia jetzt gar nichts ändern, sonst geht der Schuss nach hinten los", lautet Hannawalds Strategie für die nächsten Wochen. "Denn die anderen schlafen auch nicht." Auch nicht Martin Schmitt, der zweite Lieblings-Schwiegersohn in Willingen. Er kam im ersten Durchgang auf die Bestweite von 144 m, stürzte dann aber noch auf den 18. Rang ab. Probleme, die dem Kollegen Hannawald derzeit völlig fremd sind.

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