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Willkommen und Abschied

Manchmal wird man wehmütig in Brüssel. Zum Beispiel, wenn wieder einmal ein Journalistenkollege der Hauptstadt Europas den Rücken kehrt. Neulich war Christian Wernicke an der Reihe.

Manchmal wird man wehmütig in Brüssel. Zum Beispiel, wenn wieder einmal ein Journalistenkollege der Hauptstadt Europas den Rücken kehrt. Neulich war Christian Wernicke an der Reihe. Der langjährige EU-Korrespondent, zunächst für die Zeit, dann für die Süddeutsche Zeitung, wechselte für sein Blatt nach Washington. Nächste Woche verabschiedet sich Martin Bommersheim vom Magazin Focus. Er geht zurück nach Deutschland, um künftig als Pressesprecher eines großen Chemiekonzerns zu arbeiten. Kein Monat vergeht ohne Einladung zu einem "farewell drink". In Brüssel herrscht permanente Abschiedsstimmung.

Früher waren Europa-Korrespondenten ein besonderer Menschenschlag. Sie kamen in den 70er und 80er Jahren, waren glühende Anhänger der europäischen Einigungsidee und wollten nie wieder weg aus der Stadt ihrer (Zukunfts)-träume. Heute ist die Fluktuation groß. Europa ist für die meisten Korrespondenten keine Herzensangelegenheit mehr. Und so gilt für Journalisten, was für EU-Diplomaten schon immer die Regel war: Brüssel ist nur eine Durchgangsstation in der beruflichen Laufbahn. So herrscht im Europaviertel ein ständiges Kommen und Gehen. Echte Integration in das fremde Biotop gelingt nur wenigen. Wer mag schon Wurzeln schlagen in einer Stadt, die man früher oder später ohnehin verlassen muss.

Ausnahmen gibt es natürlich. So wie Michael Stabenow von der FAZl. Aber der ist auch in Brüssel aufgewachsen. Der Vater war einer der ersten deutschen Beamten bei der Kommission, die damals noch Hohe Behörde hieß und in Luxemburg ihren Sitz hatte. Kürzlich, bei Wernickes Abschied, traf ich selbst eines dieser selten gewordenen Exemplare europäischen Urgesteins. Margot Delfosse-Frey kennt die europäische Gemeinschaft von der ersten Stunde an. Wenn die inzwischen fast 80jährige von jenen fernen Jahren spricht, als sie als Beamtin in Luxemburg ihre Europa-Karriere begann, klingt das wie ein Märchen aus einer anderen Welt. Sehr vertraut und freundschaftlich sei es damals zwischen den Kollegen aus den sechs Gründungsstaaten zugegangen. "Jeder kannte jeden", sagt Margot Delfosse-Frey. Nur die Italiener seien schwierig gewesen, aber nicht den Deutschen oder Franzosen gegenüber, sondern innerhalb der eigenen Volksgruppe. "In der Kommission gab es italienische Beamte, die nichts anderes zu tun hatten, als die ständigen Streitereien zwischen Nord- und Süditalienern zu schlichten."

Heute hat die Kommission ganz andere Sorgen. Wir, die Journalisten, berichten darüber, bis wir irgendwann zum "farewell drink" einladen und uns schweren Herzens verabschieden von dieser widersprüchlichen, skurrilen, aber auch liebenswerten Stadt. Das beste Mittel gegen die Wehmut ist übrigens der Besuch einer "welcome party", die hier in Brüssel ebenso häufig stattfinden wird wie Abschiedsfeste.

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