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Wim Koks Abgang

Der niederländische Ministerpräsident Wim Kok hat sich seinen Abgang anders vorgestellt. Und er hätte auch einen besseren verdient.

Kok ist zum Opfer einer neuen Zeit geworden. Das Konsensmodell, für das Holland auch bei uns als Vorbild gefeiert wurde, ist nach dem Mord an Pim Fortuyn zumindest in der öffentlichen Diskussion nur noch wenig wert. Kok gehörte zu den Architekten dieses sogenannten Poldermodells, das durch den Akkord von Wassenar 1982 geschaffen wurde. Damals vereinbarte Kok als Chef des Gewerkschaftsbundes mit den Arbeitgebern Lohnzurückhaltung für mehr Jobs. In den folgenden Jahren sank die Arbeitslosigkeit an den Rand der Vollbeschäftigung.

Kok ist ein Politiker wie Johannes Rau. Er will zusammenführen, nicht spalten. Holland hat, wachgerüttelt durch den ersten Mord an einem Politiker seit 400 Jahren, einen neuen Weg eingeschlagen. In diesem wenig romantischen Holland ist kaum noch Platz für einen Regierungschef, der Urlaub im Wohnwagen auf dem Campingplatz macht und ohne Bodyguard mit dem Fahrrad zu den wichtigsten Terminen in Den Haag fährt - wie es Kok machte. Es ist auch nicht mehr die Zeit, in der ein Regierungschef wie Kok zu möglichst jeder Zeit auf der Straße den Plausch mit dem kleinen Mann sucht, bevor er sich in sein Erkerzimmer mit Blick auf die Residenz des deutschen Botschafters zurück zog.

Kok, ein bescheidener und sparsamer Mann, der in der Gewerkschaftsbewegung groß geworden ist und sich dann hoch arbeitete, hat sich als Politikmodell überlebt. Auch er kehrte die gesellschaftlichen Probleme in den Niederlanden zu lange unter den Tisch. Dennoch ist jetzt kaum damit zu rechnen, dass von Seeland bis Groningen eine Zeit der Intoleranz anbricht. Dafür sind die Niederländer viel zu stolz auf ihre Ideale - und dazu gehört auch die Toleranz, die Kok wie kaum ein anderer Politiker in der jüngsten Geschichte der Niederlande verkörpert.

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