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Wimbledon staunt über coolen MayerDPA-Datum: 2004-06-29 13:33:24

London (dpa) - Erst wurde er ignoriert, dann als «Junge, der aussieht, als wolle er gleich anfangen zu weinen», belächelt. Doch der unscheinbare Debütant Florian Mayer ist in Wimbledon zum neuen «German Wunderkind» geworden.

London (dpa) - Erst wurde er ignoriert, dann als «Junge, der aussieht, als wolle er gleich anfangen zu weinen», belächelt. Doch der unscheinbare Debütant Florian Mayer ist in Wimbledon zum neuen «German Wunderkind» geworden.

Die angesehene «Times» nennt ihn nach seinem furiosen Durchmarsch ins Viertelfinale der 118. All England Championships schon in einem Atemzug mit Steffi Graf und Boris Becker nennt. «Er ist der neue Star des deutschen Tennis. Und Achtung! Vergesst nie die Regel sieben, die da heißt: Unterschätzt die Deutschen nicht.»

Dass der 20 Jahre alte Novize auf dem «Heiligen Rasen» an der Church unterschätzt wird, haben zuletzt die favorisierten Wayne Ferreira und Joachim Johansson zu spüren bekommen. Als es gegen den aufschlagstarken Schweden im Achtelfinale drauf ankam, returnierte Mayer nicht nur großartig, sondern servierte wie sein Gegenüber 24 Asse und damit so viele wie noch nie in einem Match. «Sensationell. Ich war überrascht über meinen Aufschlag», meinte er bescheiden.

«Mayer zeigt keine Nerven und sorgt für die Wiedergeburt des deutschen Tennis», schrieb die «Times». Im aussichtsreichen Viertelfinale gegen den Franzosen Sebastien Grosjean schlägt der bodenständige Oberfranke nun erstmals vor großem Publikum auf einem der beiden traditionsbeladenen Center Courts auf. Das könnte sein größtes Problem gegen den Vorjahres-Halbfinalisten sein.

«Florian wird immer dann nervös, wenn er auf einem großen Platz spielen muss», weiß Trainer Ulf Fischer. Der erfahrene Coach, den Boris Becker «den Besten in deutschen Landen» nennt, ist bis zum Beginn der Partie am 30. Juni besonders gefordert. Denn dass sein Schützling die spielerischen Mittel besitzt, sogar ins Halbfinale zu stürmen, wo Titelverteidiger Roger Federer aus der Schweiz wohl der Gegner wäre, bezweifelt Fischer nicht.

«Total abschalten und an was ganz anderes denken als an Tennis», rät der dreimalige Champion Becker, der bei seinem ersten Titelgewinn 1985 gleichsam aus dem Nichts kam. Derlei Vergleiche schmecken Mayer überhaupt nicht. «Ich will mich nicht auf irgendwelchen Lorbeeren ausruhen», sagt der beste deutsche Grand-Slam-Spieler der Saison.

Mayer will auf dem Teppich bleiben, «keine Dummheiten machen und mich hundertprozentig auf mein Tennis konzentrieren». Sein beispielhaftes Umfeld hilft ihm dabei. Die Eltern («mein Vater ist Lehrer, meine Mutter selbstständig») seien nicht erfreut gewesen, als er nach der Mittleren Reife Tennisprofi wurde. Ein Angebot von Boris Beckers Junior Team lehnte er vor fünf Jahren ab, weil er nicht von Zuhause weg wollte. Seit zwei Jahren ist Fischer sein Privattrainer. Der hoch gelobte Coach hat schon Hendrik Dreekmann bei den French Open und Alexander Radulescu in Wimbledon ins Viertelfinale geführt.

Begonnen hatte die Zusammenarbeit unter dem Dach des Deutschen Tennis Bundes (DTB), für den Fischer inzwischen nicht mehr arbeitet. «Wir sind stolz auf Florian Mayer», sagte DTB-Präsident Georg von Waldenfels, der zum Viertelfinale einfliegen wird. Vorher will der Tennis-Chef aber noch einen Brief an NOK-Präsident Klaus Steinbach schreiben, damit der momentan erfolgreichste deutsche Tennisprofi doch noch für Olympia nominiert wird. «Er hat es verdient, in Athen zu spielen. Er muss eine Wildcard bekommen.»

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