Windows gegen Linux
Ich muss draußen bleiben

Windows gegen Linux - ein Jahr lang kämpften die Lager um den Auftrag, die Rechner des Bundestages auszustatten. Donnerstag wird die Entscheidung veröffentlicht. Netzwert erfuhr: Der Sieger heißt Microsoft.

Der deutschen E-Szene geht es in diesen Tagen wie einem werdenden Vater - ein leichter Schweißfilm liegt auf der Stirn, nervöses Händereiben und die verzweifelte Frage:Was wird es nun? Und wie vor der Tür des Kreißsaales gibt es nur eine begrenzte Anzahl Antworten- entweder ein kräftiger Bursche namens Windows, ein quäkendes Linuxlein oder vielleicht ein Zwitter?

Am Donnerstag wird das Baby entbunden. Dann nämlich will der Ältestenrat des Bundestages die Entscheidung über die neue Software-Ausstattung der rund 5000 Rechner in den Abgeordnetenbüros verkünden. Im Prinzip eine normale Investition, doch wer das kritische Parlament gewinnt, poliert sein Image gegenüber Großkunden gewaltig auf.

Angesichts des Ringens der Systeme währt die Suche eines Nachfolgers für das bislang installierte Betriebssystem Windows NT 4 aus dem Hause Microsoft schon fast ein Jahr - und ebenso lange tobt ein erbitterter Lobbykampf der beiden Lager. Kurz vor der Entscheidung steht nach Informationen von Handelsblatt Netzwert aber schon fest: Das freie Betriebssystem Linux bleibt ein Hinterbänkler - Microsoft kann sich einer absoluten Mehrheit sicher sein. Favorisiert wird vom Ältestenrat eine Mischvariante, in der der Linux- Anteil denkbar gering ist.

Bill Gates kann aufatmen: Viele Behörden und Unternehmen liebäugeln derzeit nicht nur wegen Microsofts verschärfter Lizenzpolitik mit einer Umrüstung auf Linux. Eine Absage an Windows durch den Bundestag hätte bei vielen Firmenchefs einen Nachahmungseffekt auslösen können.

Nötig war ein Wechsel der Betriebssysteme bei den Parlamentariern, weil Microsoft für Windows NT nur noch bis Ende 2002 technische Unterstützung bietet. Zwei grundsätzliche Alternativen zog der zuständige Ältestenrat in Betracht: einerseits die neue Windows-Generation, andererseits das frei verfügbare Linux, bekannt durch sein Pinguin-Logo. Zunächst waren es nur Programmierfreaks und Hacker gewesen, die Linux etwas abgewinnen konnten. Neuerdings engagieren sich aber auch große IT-Firmen und politische Kreise für das freie System. Allen voran hat sich IBM als Verfechter von Linux aufgestellt, dessen Programm-Blaupausen offen liegen (Open Source) und von den Anwendern verändert und weitergegeben werden dürfen. Mehr als 1 Milliarden Dollar steckte IBM schon in das System. Auch der Bundestagsverwaltung bot sich die Firma als Partner an, gemeinsam mit dem Linux Suse AG. -Spezialisten

Zu Pinguin-Freunden haben sich kürzlich zudem Hewlett-Packard, Sun und Oracle erklärt. Besonders die letzten beiden sehen in dem offenen Betriebssystem, das inzwischen fast 30% aller zentralen Netzrechner antreibt, eine geeignete Waffe im Kampf gegen den ewigen Rivalen Microsoft. Aufhorchen ließen in jüngster Zeit zudem Erfolgsmeldungen von Firmen wie Amazon: Der E-Händler hat mit der Umstellung auf Linux nach eigenen Angaben 17 Millionen Dollar gespart. Auch in der Politik hat sich das zehn Jahre alte Linux Freunde gemacht. "Offene Quelltexte bieten grundsätzlich einen Sicherheitsgewinn", sagt Bundeswirtschaftsminister Werner Müller. Sein Haus wirbt daher seit mehr als einem Jahr für Open-Source und fördert die technische Entwicklung. Im Innenministerium, dem jüngst eine Studie die schrittweise Umstellung auf Open Source empfohlen hat, macht sich mit Martin Schallbruch der neue IT-Koordinator des Bundes für Linux stark. Auch der Bundestag selbst forderte die Regierung im November auf, mehr Open-Source-Software zu verwenden. Unter anderem würde dies die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Software-Industrie stärken, heißt es im Antrag von Rot-Grün.

Nicht nur Jörg Tauss, der Beauftragte für Neue Medien der SPD-Fraktion, kam da auf die Idee, den Bundestag im Rahmen der Software-Umstellung zur "Microsoft-freien Zone" erklären zu wollen. Internet-kundige Politiker aller Fraktionen schlossen sich Ende Januar gegen Microsoft zu der Initiative Bundestux zusammen, die geschwind auf 25000 Mitglieder anwuchs. Der Petition anschließen kann sich jeder per Mausklick. Die Linux-Verfechter befanden, dass "ein freies Betriebssystem im Bundestag aus ordnungs-, wettbewerbs- und standortpolitischen sowie demokratischen Gründen ein notwendiges Signal für Deutschland ist". Rasselnde Rhetorik, die Microsofts Deutschland-Chef Kurt Sibold mit Sorge vernahm. In einem offenen Brief fragte der Manager eiligst zurück, was denn bitte "eine Entscheidung für oder gegen ein Betriebssystem mit ,demokratischen Spielregeln " zu tun habe.

Schon im Herbst hatte Sibold auf anderer Ebene die Lobbying-Maschinerie angeheizt und der Agentur Hunzinger einen millionenschweren PR-Auftrag erteilt. Parlamentariern flatterten daraufhin Briefe ins Büro, in denen ihnen die Gefahren des Cyberterrors vor Augen geführt wurden. Das Schlimmste verhindern, lasen die erstaunten Abgeordneten, könne nur Windows.

Gleichzeitig lud Hunzinger zu Gesprächen mit Sibold ein, der schon im November der Arbeitsebene des Bundestags auf einem abendlichen "Workshop" bei Wachteln und Wein die Vorzüge seiner Produkte schmackhaft gemacht hatte. Prompt warf SPD-Politiker Tauss Microsoft "massive Einflussnahme" auf die Entscheidung vor, was Sibold offenbar nicht schreckte: Erst am vergangenen Mittwoch lud er abermals Abgeordnete der Regierungskoalition zu einem Gala-Dinner in die Parlamentarische Gesellschaft ein. Den Ausschlag in dem mit religiöser Inbrunst geführten Streit gab letztlich eine von der Berliner Firma Infora erstellte Studie für den Bundestag.

Die Analysten nahmen fünf "grundsätzlich machbare" Alternativen unter die Lupe, die von einer vollständigen Linux- bis zu einer reinen Windows- Lösung reichten. Am besten schnitt eine Misch-Lösung ab, bei der Linux nur für Kommunikationsdienste wie E-Mails zum Einsatz kommt. In den anderen Server-Bereichen sowie auf den Desktops der Anwender ist Windows 2000 beziehungsweise Windows XP vorgesehen. Gegen Linux hätten vor allem "Einrichtungs- und Umstellungsaufwände" gesprochen, heißt es.

Parallel laufende Tests der Bundestagsverwaltung ergaben Sorgen um die Benutzerfreundlichkeit. Die Tester kritisierten etwa, dass bei Linux das beliebte Kopieren von Texten per Zwischenablage, Copy & Paste genannt, "nicht vollständig unterstützt" werde.

Um den bei der von Infora favorisierten Variante eher symbolischen Open- Source-Anteil zu erhöhen, haben sich führende Mitglieder der Entscheidungskommission nun aber auf die zweitplatzierte Mixtur geeinigt, die Linux mehr Raum bei Server-Diensten wie bei geplanten Datenbanken oder Authentifizierungszertifikaten zuteilt. Auf dem Desktop kommt also Windows XP zum Zuge. In ein paar Jahren wird Microsoft aber auch die Unterstützung für diese Software einstellen. Spätestens dann geht der Kampf der Systeme also in eine neue politische Runde - und vielleicht klappt s bis dahin bei Linux auch mit Copy & Paste.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%