„Wir haben die Liga dominiert“
Kahn und Kaiser feierten nicht mit

Ottmar Hitzfeld ließ sich mit einem flugs herbeigeschafften Duplikat der Meisterschale fotografieren, Franz Beckenbauer war "stolz" auf seine Bayern - aber Kapitän Oliver Kahn gab seinen Chefs am späten Abend erneut Rätsel auf: In unmittelbarer Nachbarschaft des Münchner Hofbräuhauses zauberte der FC Bayern München am Samstagabend nach dem seit Monaten programmierten Gewinn der 18. deutschen Meisterschaft eine spontane Titel-Party aus dem Hut. Doch überraschend tauchte Kahn dort nicht auf.

HB/dpa WOLFSBURG/MÜNCHEN. Man habe versucht, ihn anzurufen, er sei nicht erreichbar gewesen, bestätigte Bayern-Sprecher Markus Hörwick am Sonntag. "Ich wusste von nichts", erklärte Kahn am Sonntagabend, als er sich bei Clubsprecher Markus Hörwick telefonisch meldete. Er habe im Mannschaftsbus Kopfhörer getragen, später mit einem Freund zu Abend gegessen. Dort habe Kahns Handy keinen Empfang gehabt, hieß es weiter.

Überschäumend fiel der Jubel zunächst nicht aus, trotzdem hob Hitzfeld die Sperrstunde für die Spieler auf und gab ihnen zwei Tage frei: "Man muss die Feste sofort feiern, wenn man es geschafft hat. Jetzt ist der Adrenalinstoß da." Auch Präsident Beckenbauer war bei der Feier im Lokal von Sterne-Koch Alfons Schuhbeck am Samstagabend nicht dabei. Der "Kaiser" war bei einer Geburtstagsparty in Österreich, telefonierte aber sofort mit den neuen Titelträgern und meinte: "Wir können stolz auf diese Truppe sein."

Für beendet erklärte Manager Uli Hoeneß auch den angeblichen Zwist in der Führungsetage zwischen Beckenbauer und den Vorständen Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. "Wir hatten ein kleines Problem, das wir offen angesprochen hatten", so Hoeneß im ZDF. Es sei eine Stärke des Clubs, dass man alles offen anspreche und nicht "hintenrum eiert".

Mit dem 2:0 (0:0)-Erfolg beim VfL Wolfsburg hatten die Bayern dank der erneuten Patzer des VfB Stuttgart und von Borussia Dortmund schon am fünftletzten Spieltag Vollzug in einem Titelkampf gemeldet, der eigentlich nie stattgefunden hat. Seit dem 4. Spieltag hatten sie die Tabellenführung inne, der Vorsprung betrug bis zu 15 Punkte. Darum überwog nach den Toren von Giovane Elber (59.) und Claudio Pizarro (83.) vor 30 000 Zuschauern in der Wolfsburger VW-Arena die Erleichterung darüber, am Ende wenigstens mit einem Sieg selbst für den Titelgewinn verantwortlich gewesen zu sein: "Es war mir ein Herzensbedürfnis, dass wir durch ein eigenes gutes Spiel die Meisterschaft entschieden haben", meinte Hoeneß weiter.

Ausruhen auf dem Erreichten dürfen sich die Spieler aber nur ein paar Tage. In fünf Wochen soll in Berlin das "Double" geholt werden, das jedem Spieler 150 000 ? Prämie eintrüge. "Jetzt gilt es, die Spannung nicht zu verlieren. Wenn man jetzt Larifari spielt, kann man im Endspiel gegen Kaiserslautern nicht Höchstleistung bringen", warnte Kahn. Auch Hoeneß erwartet in den vier Bundesliga-Spielen und dem Finale Top-Leistungen für die Fans, mit denen nach dem letzten Heimspiel gegen Stuttgart am 17. Mai auf dem Münchner Marienplatz der Titel offiziell gefeiert wird: "Jetzt ist die Mannschaft gefordert, in den nächsten Wochen optimalen Fußball zu zelebrieren", sagte er.

Nach zuletzt drei sieglosen Spielen legten die Münchner mit dem Rückkehrer Michael Ballack, der nach sieben Wochen Verletzungspause das erste Tor mit einem genialen Pass auf Elber vorbereitete, den Hebel meisterlich um. "Es war "mal wieder der Kitzel da, man spürte das Adrenalin", sagte Kahn und fand alles "richtig geil". Nur ein Mal in 40 Jahren Bundesliga stand der Titelträger bisher ebenfalls schon nach dem 30. Spieltag fest: 1972/73 schaffte dieses Kunststück gleichfalls der FC Bayern. "Wir haben die Liga einfach dominiert", fand Ballack, der wie der Brasilianer Ze Roberto endlich als Sieger und nicht mehr als "Ewiger Zweiter" dasteht. "Ich war vier Jahre in Leverkusen und es war immer knapp, knapp, knapp vorbei. Jetzt, in München, bin ich deutscher Meister", meinte Ze Roberto glücklich.

Zum vierten Mal in fünf Jahren führte Hitzfeld die Münchner zur Meisterschaft, der zwar frühzeitigsten, aber auch unspektakulärsten. Selbst in der Stunde des Triumphes war deutlich zu spüren, dass dieser Titelgewinn nur Balsam ist für die immer noch schmerzende Wunde, die das blamable Ausscheiden aus der Champions League gerissen hat. Hoeneß richtete zu fortgeschrittener Stunde eine Kampfansage an Europas Top-Clubs und speziell an die "Königlichen" aus Madrid: "Wir haben uns jetzt ein Jahr ausgeruht. Die einzige Mannschaft, vor der Real wirklich Angst hat, ist der FC Bayern."

Auch Hitzfeld will das "Hauptaugenmerk" in der kommenden Saison auf die Champions League richten und dafür die Mannschaft außer mit dem argentinischen Verteidiger Martin Demichelis und dem Wolfsburger Tobias Rau womöglich mit weiteren Neuzugängen verstärken. "Wenn sich etwas auf dem Markt ergibt, werden wir auch zugreifen", so Hitzfeld, "auf allen Positionen, außer Torwart". Aber auch national will der Rekordmeister künftig weiter die erste Geige spielen, wie Kahns Worte belegen: "Der FC Bayern ist immer gefräßig, was Titel anbelangt."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%