"Wir sind eine Kolonie der USA geworden"
Ecuadorianer protestieren gegen Abschaffung ihrer Landeswährung

afp QUITO. 116 Jahre lang haben die Ecuadorianer mit dem Sucre bezahlt, seit Sonntag um Mitternacht ist mit dieser Währung im ganzen Land nichts mehr zu bekommen. Statt dem Sucre, der Tag für Tag an Wert verlor, sind jetzt harte Dollar gefragt, das neue offizielle Zahlungsmittel im Andenstaat. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die USA loben die Regierung in Quito für diesen Schritt, mit dem sie die Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen versucht. In der Bevölkerung jedoch stößt die Dollarisierung auf heftigen Widerstand.

"Wir eine Kolonie der USA geworden", kritisiert Hernan, ein etwa 50-jähriger Psychologe aus Quito. Mit dem Sucre verliere Ecuador seine "nationalen Identität", meint eine Frau. Sie, Hernan und rund 100 andere Intellektuelle versammelten sich deshalb am Samstag vor der Zentralbank in der Altstadt von Quito zu einer symbolischen Trauerfeier für den Sucre. Zur gleichen Zeit wurde eine riesige Sucre-Münze in einem Sarg auf dem Friedhof zu Grabe getragen. Bereits seit einer Woche organisierte der nationale Indianerverband (CONAIE) landesweite Streiks und Demonstrationen, die jedoch ohne größere Auswirkungen blieben. Einer Umfrage des privaten Meinungsforschungsinstituts CEDATOS zufolge sind 76 Prozent der Ecuadorianer gegen den Dollar.

Zum einen ist es eine gewisse Nostalgie, die die Menschen um ihren Sucre trauern lässt. Schließlich erinnert der Name der Währung an Marschall Antonio José de Sucre, einen Mitstreiter des Befreiungskämpfers Simón Bolívar. Doch der Protest gegen die Dollarisierung ist weit mehr als Sentimentalität. Viele fürchten, der Lebensstandard in dem ohnehin armen Land könnte durch die Ankoppellung der Wirtschaft an den Dollar noch weiter sinken.

"Es war traurig, meine Sucre abzugeben", sagt ein alter Mann. Zehn Stunden reiste er von der Hafenstadt Manta nach Quito, im Gepäck seine gesamten Ersparnisse: 100 000 Sucre. Nach dem Umtausch zum offiziellen Kurs von 25 000 zu eins blieben ihm ganze vier Dollar. Die Fahrt zurück nach Hause musste er bereits in der neuen Währung bezahlen, die Busfahrer nahmen am Samstag nur noch Dollar an. 15 US-Cents kostet nun eine Fahrt, doppelt so viel wie vor der Einführung des Dollars.

US-Währung soll Inflation bekämpfen

Die feste Anbindung an die US-Währung soll die galoppierende Inflation und den wirtschaftlichen Stillstand in Ecuador bekämpfen helfen. Im Januar hatte die geplante Dollarisierung einen Putschversuch gegen den damaligen Präsidenten Jamil Mahuad ausgelöst. Mahuad musste gehen, doch sein Nachfolger Gustavo Noboa unterzeichnete im März das umstrittene Gesetz zur Dollarisierung. Prompt sagten internationale Organisationen und die USA Kredite in Milliardenhöhe zu.

Der Wechselkurs wurde festgeschrieben, die Zentralbank druckte keine neuen Sucre-Noten mehr und auch staatliche Wertpapiere wurden nicht mehr in der Landeswährung ausgegeben. In Einkaufszentren wurden Schalter eingerichtet, in denen bis zum Samstag Sucre gegen Dollar getauscht werden konnten. 91 Prozent der Sucre-Scheine und Münzen im Umlauf zog die Zentralbank bislang ein; Bargeld im Wert von rund 420 Millionen Dollar (eine Milliarde Mark) wurde im Tausch dafür an die 12,5 Millionen Ecuadorianer ausgegeben.

Um den Widerstand in der Bevölkerung zu beschwichtigen, gibt es neben dem "Greenback" zumindest eigene Münzen mit den Porträts ecuadorianischer Nationalhelden, die statt "Cent" "Centavo" heißen. 660 Millionen der neuen Geldstücke ließ die Regierung in Kanada und Mexiko prägen, in 25 Containern zu je 18 Tonnen wurden sie nach Ecuador verschifft. Gleichzeitig vernichtete die Zentralbank Tag für Tag eine halbe Million Sucre-Billets um Platz für die neuen grünen Scheine zu schaffen.

Joana, eine Straßenverkäuferin, ist eine der wenigen, die der Dollarisierung Gutes abgewinnen kann. Für tausend Sucre, weniger als einen US-Cent, verkaufte sie Plastiktüten, in denen die Menschen die riesigen Mengen an Sucre-Münzen zu den Wechselschaltern bringen konnten.

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