„Wir sind wieder da“
Reaktionen: Riesenjubel bei Unionsparteien und den Grünen

CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer ist ein Meister im gute Laune verbreiten. „Wir sind wieder da“, verkündet er. Auch bei den Grünen gibt es Anlass zum Feiern: Gegenüber der Wahl von 1998 konnten sie massiv hinzu gewinnen.

HB/ddp/dpa BERLIN. CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer ist ein Meister im gute Laune verbreiten. "Wir sind wieder da", verkündete Meyer euphorisch am Sonntagabend rund eine halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale im Berliner Adenauer-Haus.

Die Union habe ihr Wahlziel erreicht, stärkste Fraktion im 15. Bundestag zu werden. Über die Tatsache, dass die Union auf Grund des schlechten Ergebnisses der FDP ihr eigentliches Ziel, nämlich die nächste Bundesregierung zu stellen, verfehlen könnte, verlor Meyer kein Wort. "Warten wir mal den Abend ab", rief er dem Publikum zu, das begeistert klatschte, "ich bin mir ganz sicher, dass sich da noch etwas tut."

Rund 2000 Besucher waren am Sonntagabend gekommen, um das Herzschlagfinale der Bundestagswahlen in der CDU-Zentrale live mitzuerleben. Die ersten schmerzlichen "Aah"-Rufe gab es, als die Zahlen für die kleineren Parteien folgten: Die Grünen lagen zweieinhalb Prozente vor der FDP. Es dauerte einige Sekunden, bis den Unions-Anhängern klar wurde: "Das ist Rot-Grün!". Stille herrschte zunächst im Foyer.

Die Grünen verzeichnen einen massiven Zugewinn nach den 6,7 Prozent von 1998, und im Kampf um Platz drei im Parteiengefüge eine klare Deklassierung der ungeliebten FDP. Deren deutlich schlechteres Ergebnis wurde fast so lautstark bejubelt wie die eigenen Stimmengewinne, und auch das schlechte Abschneiden der PDS führte zu Begeisterungsstürmen.

"8 Prozent plus X" lautete das offizielle Wahlziel der Grünen - es wurde deutlicher erreicht als selbst manche eingeschworene Anhänger es zu hoffen gewagt hatten. Als dann noch die prognostizierte Mandatsverteilung eine Mehrheit im Parlament für Rot-Grün auswies, schwoll der Jubel kurzfristig auf Orkanstärke an.

Gut eine Viertelstunde später, als die erste ARD-Hochrechnung SPD und Grünen nur noch die denkbar knappste Parlamentsmehrheit bescheinigte, mischte sich wieder neue Spannung in die Jubelstimmung.

Bei aller Freude über die enormen Zugewinne für die Grünen kam bei einer 26 Jahre alten Potsdamerin die Sorge auf, dass der Partei doch noch die Oppositionsbank droht. "Das wird noch ganz zittrig", stellte sie sich schon mal auf einen längeren Wahlabend ein.

Die Reaktionen im Überblick:

Trotz der massiven Verluste für die SPD setzt Bundeskanzler Gerhard Schröder auf die Fortsetzung der rot-grünen Koalition. "Wir haben eine gute Aussicht, diese Politik fortzusetzen und wir wollen sie fortsetzen", sagte Schröder. "Und wie es aussieht, können wir sie auch fortsetzen." Schröder setzte hinzu: "Mehrheit ist Mehrheit, und wenn wir sie haben, werden wir sie auch nutzen."

Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber CSU ) hat das Abschneiden seiner Partei in Bayern als großen Erfolg bezeichnet. "In Bayern haben wir mit mehr als 61 Prozent das beste Ergebnis aller Zeiten erzielt", sagte Stoiber gut eine Stunde nach Schließen der Wahllokale im ZDF. "Bayern hat einen Riesenbeitrag geleistet", fügte er hinzu.

Die CDU -Vorsitzende Angela Merkel hat CDU und CSU zu den "Gewinnern des Tages" erklärt. Die Union sei stärkste politische Kraft, "das ist für mich das Symbol: Wir sind wieder da, mit uns muss man rechnen", sagte Merkel . Eine große Koalition lehnte sie entschieden ab. Dies sei "nicht das, was wir wollen". Die Alternativen lägen "klar auf dem Tisch".

Die Grünen -Fraktionsvorsitzende Kerstin Müller sieht ihre Partei nach den ersten Hochrechnungen an dritter Stelle bestätigt. "Wir haben nicht nur unser Wahlziel von mindestens acht Prozent erreicht, sondern wir sind auch wieder drittstärkste Kraft", sagte Müller im ZDF. "Wir hatten einen deutlichen Anteil am Erfolg der Regierungskoalition", fügte sie hinzu.

SPD -Generalsekretär Franz Müntefering erklärte, das Hauptziel der SPD, dass Gerhard Schröder Kanzler bleibe, sei noch möglich. "Da hoffen wir noch drauf." In der letzten Phase des Wahlkampfes hätten die Grünen zugewonnen, die Siegeszuversicht bei der SPD sei noch da. Koalitionen seien immer schwierig. "Aber: Mehrheit ist Mehrheit. Und wenn es eine Mehrheit gibt, regieren wir auch", betonte Müntefering.

Westerwelle deutet Koalitionswunsch mit Union an

FDP -Chef Guido Westerwelle hat knapp 90 Minuten nach Schließung der Wahllokale erstmals die Bereitschaft zu einer Koalition mit der Union angedeutet, ungeachtet des schlechten eigenen Ergebnisses. "Wir werden sehen, ob es für schwarz-gelb reicht, sagte Westerwelle in der ARD. Die FDP hatte ihre Koalitionsentscheidung bis zuletzt offen gelassen. Westerwelle hat sich enttäuscht vom Ergebnis seiner Partei gezeigt und seinen Parteivize Jürgen Möllemann verantwortlich gemacht. Die Debatte um Möllemann habe der FDP "enorm geschadet", sagte der Parteivorsitzende im ZDF.

Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel CDU ) sieht in der Geschlossenheit der CDU ihr wichtigstes Kapital für die Zukunft. "Die Union hat die Bundestagswahl gewonnen, die SPD die Wahl verloren", sagte Vogel in Erfurt. "Wir sind wieder da und stärkste Partei." Mit so einer deutlichen Zunahme der Stimmen habe er jedoch nach den verwirrenden Prognosen nicht gerechnet. Er habe in seiner langen Parteiarbeit die Union noch nie so geschlossen gesehen wie in den vergangenen Monaten, sagte Vogel.

Die Grünen -Vorsitzende Claudia Roth sagte, ihre Partei habe den Stimmenzuwachs verdient, da sie vermittelt hätten, was es bedeute, Politik für die Zukunft zu machen. Sie lobte auch den Wahlkampf ihrer Partei. Roth erklärte, es gebe eine Premiere: Wahrscheinlich habe der Berliner Grünen-Politiker Christian Ströbele das erste Direktmandat für die Partei geholt.

Die Partei freue sich "riesig" über das hervorragende Wahlergebnis von über acht Prozent, sagte Grünen -Fraktionschef Rezzo Schlauch . Besonders freue sich die Partei über den dritten Platz noch vor der FDP. Das Zusammenspiel zwischen Inhalten und Personen und der "geschlossenen Wahlkampf" der Grünen habe zu diesem Ergebnis beigetragen, sagte Schlauch.

Der Chef der PDS -Bundestagsfraktion, Roland Claus , hat das Zweitstimmen-Ergebnis seiner Partei als schwere Niederlage bezeichnet. Inhalte, Personen und Darstellung hätten nicht ausgereicht, dass sich ausreichend Wähler für die PDS entschieden hätten, sagte Claus in der ARD. Jetzt liege die Hoffnung der Partei darin, drei Direktmandate zu gewinnen.

Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) hat sich zuversichtlich über eine Fortführung der rot-grünen Koalition geäußert. "Das ist das beste Ergebnis für die Grünen in der Geschichte unserer Partei bei Bundestagswahlen", sagte Trittin. "Ich glaube, wir können zuversichtlich sein", sagte er über die Aussichten einer Fortsetzung der rot-grünen Koalition auch in den nächsten vier Jahren.

Der PDS -Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch sprach im ZDF von einer schweren Wahlniederlage seiner Partei. Die PDS sei mit Personen und Politik nicht so angekommen, "wie wir uns das gewünscht haben". Bartsch äußerte jedoch die Hoffnung, dass man im Laufe des Abends noch drei Direktmandate schaffen könne.

BDI -Präsident Michael Rogowski hat angesichts der unklaren Mehrheitsverhältnisse nach der Bundestagswahl seine Forderung nach einem Politikwechsel bekräftigt. "Wir brauchen eine Politikwende - unter welcher Regierung auch immer", sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) in der ARD. Ein Bündnis aus CDU/CSU und FDP wäre aus Sicht der Industrie aber sicher besser für Deutschland als Rot-Grün. Rogowski zeigte sich besorgt über die Entwicklung des Wahlkampfs in der Schlussphase. In der Außenpolitik habe es zuletzt "einen Amoklauf durch den Porzellanladen" gegeben, dessen Folgen die Wirtschaft spüren werde.

DGB -Chef Michael Sommer betonte, die Gewerkschaften seien bereit, konstruktiv an Reformen mitzuarbeiten, auch an Reformen am Arbeitsmarkt. Basis dafür müsse aber der Erhalt der sozialen Sicherheit sein. "Wer anfängt, bei Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechten rumzumanipulieren, der ist unser Gegner", erklärte der DGB-Vorsitzende.

Der Wirtschaftsexperte im Wahlkampfteam von Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU), Lothar Späth CDU ), schließt nicht aus, dass die Union trotz eines Wahlsieges nicht an der Regierung beteiligt ist. Auch wenn die Union stärkste Fraktion werde, reiche es möglicherweise nicht für eine Mehrheit mit der FDP, sagte Späth nach den ersten Hochrechnungen im ZDF. Die ersten Zahlen wertete Späth aber dennoch als "Erfolg" für die Union. Vor einem Jahr habe noch niemand mit einem solchen Ergebnis gerechnet. Der Rückstand der Union in Ostdeutschland liegt nach Ansicht des designierte Wirtschaftsministers Späth, an der Hochwasserkatastrophe und an den Ängsten vor einem Irak-Krieg. "Wir hatten nicht genug Zeit gehabt, die Wirtschaftsthemen im Osten durchzubringen", sagte Späth am Sonntag im ZDF.

Der PDS -Politiker Lothar Bisky sprach nach der Wahl von einer schweren Stunde für seine Partei. Er habe ein besseres Abschneiden erhofft, sagte der frühere Bundesvorsitzende im ORB-Wahlstudio. "Ich glaube, die gesamte Partei - auch Lothar Bisky - hat sich zu befragen: Was ist falsch gewesen?"

PDS -Chefin Gabi Zimmer räumt nach der Wahlniederlage ihrer Partei Fehler ein. Es gebe nach wie vor einen "Bedarf an sozialistischer Politik", sagte Zimmer in der ARD. Allerdings sei die PDS offenbar nicht in der Lage gewesen, "dies ausreichend zu vermitteln". Auf die Frage nach einem möglichen eigenen Rücktritt sagte Zimmer: "Das werden wir sehen." Zunächst stehe in drei Wochen der Bundesparteitag an. Über die Zukunft der Partei werde offen mit den Mitgliedern diskutiert. Dem PDS-Spitzenpolitiker Gregor Gysi wollte sie nicht die Schuld an der Wahlniederlage geben. "Ich weise niemandem die Hauptschuld zu, da sind viele Sachen zusammengekommen", sagte Zimmer.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch CDU ) sieht nach den ersten Hochrechnungen die Union als Gewinner der Bundestagswahl. CDU/CSU habe ihr Ziel erreicht, stärkste Fraktion zu werden. "Das ist ein Erfolg. Wir haben es richtig gemacht", sagte Koch in der ARD. Ob es für die Union für eine Regierungsbeteiligung reiche, müsse abgewartet werden.

Gabriel für Fortsetzung von Rot-Grün

Der niedersächsische Ministerpräsident Siegmar Gabriel SPD ) hat sich für eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition ausgesprochen. "Es gibt eine Mehrheit für Rot-Grün", sagte der SPD - Politiker in der ARD. "Auch wenn es nur eine Stimme sein sollte: Mehrheit ist Mehrheit."

CSU

-Generalsekretär Thomas Goppel hat nach den ersten Hochrechnungen zur Bundestagswahl eine Regierung ohne die Union ausgeschlossen. CDU/CSU seien deutlich stärkste Fraktion. "Gegen uns regiert keiner", sagte Goppel in einer ersten Stellungnahme in der ARD. Rot-Grün habe mit diesem Wahlergebnis abgedankt. Mit wem die Union regieren werde, müsse abgewartet werden.

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