"Wir sollten dieses Fenster nutzen"
Clement will umstrittene Gentechnik fördern

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) will ethisch umstrittene Möglichkeiten der Gentechnik fördern. Nach einem Bericht der Financial Times Deutschland (Freitagausgabe) sprach er sich unter anderem für den Import von Embryo-Zellen zu Forschungszwecken aus.

rtr/ddp BERLIN. Mit Blick auf das Embryonenschutz-Gesetz, das die Einfuhr so genannter Stammzellen von künstlich befruchteten Embryos erlaubt, sagte er: "Wir sollten dieses Fenster nutzen." Ein schwunghafter Handel mit Embryos drohe deswegen nicht. Clement hat nach dem Bericht außerdem einer Bonner Forschungsgruppe unter dem Mediziner Oliver Brüstle Landeshilfen bei der Forschung an Stammzellen in Aussicht gestellt. Brüstle sagte dem Blatt: "Der finanzielle Rahmen ist noch offen. Aber das ist ein sehr wichtiges Signal, dass diese Forschung ernst genommen wird."

Forscher der Uni Bonn hatten am Donnerstag im Beisein von Ministerpräsident Clement einen intensiven Austausch mit dem Gentechnologie-Institut der Universität Haifa zur Forschung mit embryonalen Stammzellen vereinbart. Das Institut ist eines von drei auf der Welt, die mit diesen Stammzellen arbeiten. Die Mediziner des Neuropathologischen Instituts in Bonn wollen Stammzellen importieren, um damit Therapiemöglichkeiten für Nervenkrankheiten zu erforschen. Ein entsprechender Importantrag liegt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vor.

Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) hielt dagegen an seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Nutzung neuer Gentechnologien fest. Er halte die Präimplantationsdiagnostik (PID) und die Nutzung embryonaler Stammzellen für nicht verantwortlich, sagte der Regierungschef der Nachrichtenagentur ddp in Jerusalem. Mit Blick auf den Vorstoß Nordrhein-Westfalens sagte er, die Debatte müsse nun mit Ernsthaftigkeit geführt werden.

Neuregelung der Gentechnik nach der Wahl

Am Donnerstag hatte der Bundestags mehrere Stunden über die ethischen Grenzen der Untersuchung menschlicher Erbanlagen debattiert. Dabei zogen sich die unterschiedlichen Ansichten quer durch die Fraktionen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte sich dagegen ausgesprochen, Embryos für den Zweck der Forschung herzustellen. Mit Hinweis auf etwa hundert in Deutschland vorhandener befruchteter Einzellen sagte er allerdings, man müsse abwägen, ob sie weggeworfen werden sollten oder ob sie nicht doch für die Forschung verwendet werden dürften. CDU-Chefin Angela Merkel hatte die Forschungsinstitutionen aufgefordert, mit dem Import von Embryo-Zellen zu warten, bis der Bundestag eine Entscheidung getroffen habe.

Über eine Neuregelung in der Gentechnik will die Regierung erst nach der Bundestagswahl 2002 entscheiden. Die Abgeordneten sollen ohne Fraktionszwang abstimmen, da das Thema als Gewissensfrage angesehen wird.

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