"Wir wollen die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft intensivieren"
Exklusivinterview mit Bundeskanzler Schröder

Vor einer Expertenrunde, die Bundeskanzler Schröder am Mittwoch in das Bundeskanzleramt geladen hat, stellt sich der Kanzler den Fragen von Siegfried Nagel. Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht die Frage: Wie kann der Transfer von Wissenschaft zur Wirtschaft verbessert werden?

[FRAGE]Herr Bundeskanzler, Sie haben in Ihrer Regierungserklärung von 1998 gesagt: "Machen wir uns nichts vor: Der Transfer von Wissenschaft zu Wirtschaft liegt im Argen. Die Transferzeiten, also die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Produktionswirklichkeit, dauern bei uns immer noch viel zu lange." Dieses Hemmnis bei der Schaffung neuer und zukunftssicherer Arbeitsplätze wollen Sie jetzt angehen. Sie haben u.a. eine Expertenrunde zum Gespräch ins Bundeskanzleramt eingeladen. Was wollen Sie besser oder anders machen?

[ANTWORT]In der Vergangenheit wurde die Bedeutung des Wissens- und Technologietransfers politisch vielfach unterschätzt. Wir haben zunächst eine gründliche Bestandsaufnahme vorgenommen. Ich verweise nur auf die dazu von der OECD und Bundesministerin Bulmahn Mitte Oktober in Berlin veranstaltete internationale Konferenz. Ich selbst habe für den 15. November eine Expertenrunde in das Bundeskanzleramt eingeladen. Danach wollen wir konkrete Maßnahmen auf den Weg bringen, um die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft zu intensivieren.

Wir haben aber schon jetzt vieles verbessert. Wir haben die Ausgaben für Bildung und Forschung mit dem Haushalt 2001 zum dritten Mal in Folge kräftig erhöht. Aus dem Zukunftsinvestitionsprogramm werden wir in den nächsten drei Jahren 1,8 Mrd. DM zusätzlich zur Verfügung stellen. Wir stärken der öffentlichen Forschung damit den Rücken - auch als Partner der Wirtschaft. Darüber hinaus haben wir die Forschungsförderung in einer Reihe neuer Programme so gestaltet, dass die Fördermittel dahin fließen, wo sie den größten Nutzen für den Innovationsprozess versprechen. Gerade der Mittelstand soll vermehrt für Public Private Partnerships mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen gewonnen werden. Auch die Reform der institutionellen Förderung zielt nicht zuletzt auf die Verbesserung des Wissens- und Technologietransfers.

[FRAGE]Welche Bedeutung hat Wissens- und Technologietransfer für die Bundesregierung? Warum ist er gerade jetzt so wichtig?

[ANTWORT]Gute Forschung bedeutet nicht automatisch ein Mehr an Innovation. Angesichts immer kürzer werdender Produktlebenszyklen, der wachsenden Bedeutung wissensintensiver Technologien und einer Verschärfung des technologischen Wettbewerbs bemisst sich der Erfolg einer modernen Industrienation wie Deutschland immer mehr daran, wie gut es gelingt, Forschungsergebnisse in neue Produkte und Verfahren umzusetzen. Das heißt, Schlüsselfaktor für aussichtsreiche Innovationen ist das effiziente Zusammenspiel der Partner in Wissenschaft und Wirtschaft, zwischen Forschung, Entwicklung und Produktion.

Jedes aufstrebende Unternehmen basiert auf einer guten Geschäftsidee, einem neuen Produkt oder - immer häufiger - auf einer zukunftsweisenden Technologie. Folglich entstehen mehr erfolgreiche Unternehmen, wenn wir technologische und wirtschaftliche Potenziale zusammenführen. Dies verbessert die internationale Wettbewerbsfähigkeit, stärkt das Wirtschaftswachstum, erschließt neue Märkte und vor allem neue Beschäftigungsfelder, das heißt, es sichert und schafft Arbeitsplätze. Deshalb hat das Thema Wissens- und Technologietransfer für die Bundesregierung Priorität.

[FRAGE]Wie wollen Sie Wissenschaft und Wirtschaft zusammenführen?

[ANTWORT]Deutschland verfügt über eine breit gefächerte und leistungsfähige Forschungslandschaft, die sich international eines guten Rufs erfreut. Trotz erheblicher Fortschritte in den letzten Jahren gelingt es aber immer noch zu wenig, neue Forschungsergebnisse rasch in Wertschöpfung am Markt umzusetzen. Die Patent- und Lizenzbilanz Deutschlands ist seit Jahren negativ - Tendenz steigend. Steigend heißt hier: der Saldo wird größer, das Minuszeichen bleibt.

Es ist leider noch oft Zufall, wenn sich der technologische Erfindergeist und die passende unternehmerische Persönlichkeit finden. Dieser Zufall soll zur Ausnahme werden. Wir wollen den gezielten Wissens- und Technologietransfer zwischen öffentlicher Forschung und privaten Unternehmen zur Regel machen. Natürlich haben wir dafür bereits konkrete Maßnahmen in der Planung. Aber diese möchte ich zunächst am 15. November mit Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft im Bundeskanzleramt diskutieren.

[FRAGE]Wie wollen Sie erreichen, dass die mittelständische Wirtschaft mehr als bisher in den Technologietransfer einbezogen werden kann?

[ANTWORT]Kleine und mittlere Unternehmen spielen durch ihre Flexibilität und als Ausbildungsbetriebe eine zentrale Rolle im aktuellen Innovationsgeschehen. Auch das rasante Wachstum der New Economy ist wesentlich durch kleine und mittlere Unternehmen, die so genannten Start ups geprägt. Studien belegen allerdings, dass kleine und mittlere Unternehmen seltener mit wissenschaftlichen Einrichtungen kooperieren als sie eigentlich möchten. Hier steckt noch viel Entwicklungspotenzial. Deshalb ist es wichtig, bei allen Maßnahmen die besonderen Bedürfnisse der kleinen und mittleren Unternehmen zu beachten.

Wir unterstützen Kooperations- und Netzwerkprojekte speziell zwischen mittelständischer Wirtschaft, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wir sehen hier aber durchaus noch Raum für Verbesserungen und haben deshalb eine unabhängige Expertenkommission eingesetzt. Auch unsere Fachprogramme wollen wir noch mittelstandsfreundlicher gestalten - gemeinsam mit den Betroffenen. Als neues Forum haben wir dafür den Innovationsdialog Mittelstand geschaffen. Unser Ziel ist ein transparentes und noch wirksameres Fördersystem.

[FRAGE]Bisher wurden und werden Maßnahmen und Programme zur Förderung des Technologietransfers in der Regel im Umfeld von Hochschulen und Forschungseinrichtungen durchgeführt. Das Ergebnis ist ein völlig unüberschaubares System von Technologietransferstellen mit fragwürdiger Effizienz. Was ändert sich durch die neuen Maßnahmen der Bundesregierung?

[ANTWORT]Die Transferlandschaft in Deutschland ist stark fragmentiert. Eine professionelle Verwertung von Forschungsergebnissen können viele Stellen - schon aus Kapazitätsgründen - kaum leisten. Vor allem kleinere Hochschulen und Forschungseinrichtungen erreichen zudem häufig nicht die "kritische Masse" an transferfähigem neuen Wissen, um ausreichendes Verwertungs- Know-how aufbauen zu können. Durch eine Verwertungsoffensive wollen wir hier Abhilfe schaffen. Ein wesentliches Element ist der Aufbau eines leistungsfähigen bundesweiten Netzwerks für die Patentierung und Verwertung öffentlich finanzierter Forschungsergebnisse.

[FRAGE]Vieles im Bereich des Wissens- und Technologietransfers ist von Detailfragen abhängig. Welche Erwartungen setzt die Bundesregierung z.B. in die Änderung des Hochschullehrerprivilegs, das ja eine zentrale Bedeutung für den Aufbau von effizienten Transferstrukturen an den Hochschulen hat? In welchem Zeitrahmen ist mit einer entsprechenden Gesetzesänderung zu rechnen?

[ANTWORT]Im Gegensatz zu den USA können die Hochschullehrer und-lehrerinnen in Deutschland über die Patentierung und Verwertung ihrer Erfindungen ausschließlich selbst bestimmen. Viele von ihnen halten den Zeitaufwand, die Bürokratie und die Kosten bei der Patentanmeldung und-verwertung für zu hoch. Andere tun sich schwer, das Verwertungspotenzial zutreffend einzuschätzen. Das hat zur Folge, dass viele Erfindungen überhaupt nicht patentiert bzw. wirtschaftlich verwertet werden. Damit können wir uns nicht zufrieden geben. Die Arbeiten an einer Reform des Hochschullehrerprivilegs sind deshalb im vollen Gange.

[FRAGE]Technologietransfer braucht als Basis Forschungsergebnisse. Man hat sich hier zu Lande daran gewöhnt, dass die staatliche Förderung der Forschung fast überall unter die Arme greift. Ein für die Bürger bezahlbarer "schlankerer" Staat, der sich langfristig um einen ausgeglichenen Haushalt bemüht, wird auch hier Prioritäten setzen wollen und müssen. Wo liegen für Sie die unverzichtbaren Aufgaben der Daseinsvorsorge des Staates und was muss die Wirtschaft künftig verstärkt selber tun?

[ANTWORT]Für uns haben Bildung und Forschung Priorität - auch im Haushalt. Die verfügbaren Mittel des Staates werden immer begrenzt sein. Notwendig ist deshalb ihr möglichst effizienter Einsatz. In der Forschung gilt es, Kompetenz in den zukunftsträchtigsten Bereichen zu bündeln und diejenigen, die das am besten leisten, am stärksten zu fördern. Eine Forschungsförderung nach dem "Gießkannenprinzip" wird es mit uns nicht mehr geben.

Wegen seiner breiten Produktionspalette muss Deutschland auch mit seiner Forschung in den Kernbereichen aller neuen Innovationsfelder vertreten sein. Dabei wächst die Bedeutung solcher Technologien, die unmittelbar auf der Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse aufbauen. Ich nenne hier nur die Informations- und Kommunikations- sowie die Biotechnologie. Die Grenzen zwischen grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung verschwimmen. Die klassische Rollenteilung zwischen öffentlicher und industrieller Forschung ist damit in Frage gestellt. Neue Formen der Kooperation sind gefragt, z.B. eine über kurzfristige Auftragsforschung hinausgehende stärkere - auch finanzielle - Beteiligung der Wirtschaft an der mittel- und langfristig orientierten öffentlichen Forschung.

Die Fragen des Interviews stellte Siegfried Nagel.

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