Wird das High-Tech-Paradies jetzt zur Wüste der gescheiterten Dotcoms?
Silicon Valley ... im Tal des Todes

Keine Region wird von der Krise der digitalen Wirtschaft so heftig durchgeschüttelt wie das Silicon Valley.

SAN FRANCISCO. Der heiße Wind fegt über den dürren, einsamen Landstrich im Norden Kaliforniens, der durchbrochen wird von Geisterstädten, in denen verlassene Bürogebäude mit kaum noch lesbaren Firmenschildern von ruhmreicheren Zeiten künden: ntel, Orac, Appl.

Sieht so die Zukunft des Silicon Valleys aus? Wird die Krise im Technologiesektor, die Massenentlassungen und die Konjunkturschwäche die Wachstumsregion in die Knie zwingen? Wird das Silicon Valley zum Death Valley - zum Tal des Todes?

For Rent - Zu Vermieten

Die Zeichen der wirtschaftlichen Dürre mehren sich. So künden Schilder in den Fenstern der Bürotürme und Apartments: "For Rent - Zu Vermieten". Ein ungewohnter Anblick, waren Immobilien in San Francisco und im nahe gelegenen Silicon Valley doch noch vor einem halben Jahr heiß begehrt. Oft waren sie schon meistbietend vergeben, bevor der Möbelwagen des Vormieters abgefahren war.

Jetzt sind die Eigentümer selbst Bittsteller: Die Mieten für Apartments in der Region sind allein zwischen Anfang April und Mitte Mai nach Berechnungen des Marktbeobachters Axiometrics um 8 % auf 1 900 $ gefallen, in San Francisco sogar um mehr als 10 %. "Handeln lohnt sich", raten zahlreiche Einträge auf Craigslist.org, einer Web- Seite für die Gemeinde der Wohnungssuchenden.

Kalifornische Steuereinnahmen leiden

Auch die Steuereinnahmen des Bundesstaates Kalifornien leiden: Sie werden nach den Prognosen in diesem Jahr 10 bis 15 % niedriger ausfallen als erwartet. Gouverneur Gray Davis glaubt den Grund zu kennen: Der Kurssturz an der Technologiebörse Nasdaq.

Denn im vergangenen Jahr haben die Kalifornier rund 16 Mrd. $ an Steuern auf Gewinne aus Wertpapiergeschäften gezahlt. Wirtschaftsexperten warnen bereits, in diesem Jahr könnten es bis zu 40 % weniger werden - das würde sogar den erhofften Haushaltsüberschuss des Staates gefährden.

Jammern und Wehklagen allerorten: "Das sind harte Monate und es wird noch eine Weile so weiter gehen", sagt Richard Carlson, Chairman der Unternehmensberatung Spectrum Economics. "Gemessen an unseren Standards", fügt er hinzu.

Verwöhntes Silicon Valley

Denn das reiche Silicon Valley ist verwöhnt: Die Region, die sich südlich von San Francisco entlang des Highway 101 von San Mateo bis San Jose erstreckt, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten prächtig entwickelt. Die Wirtschaftsleistung des 2 400 Quadratkilometer großen Landstriches mit 2,5 Millionen Einwohnern verdoppelte sich seit 1990 und ist nun größer als das Bruttoinlandsprodukt von Ländern wie Ungarn, Irland oder Neuseeland. Das Durchschnittseinkommen beträgt hier 66 400 $ - fast doppelt so viel im Rest der USA.

So mancher außerhalb der High-Tech-Branche kennt die Wirtschaftskrise bisher nur aus der Zeitung. Ron Burton, General Sales Manager beim Autohändler Carlson Motors in Palo Alto, zum Beispiel: "Wir haben schon mehr als 60 Vorbestellungen für den neuen Porsche Carrera GT für 400 000 $. Geld gibt es hier noch genug." Fast alle Kunden zahlen bar und hinterlegen 10 000 $ um sicher zu stellen, dass sie den GT auch sofort bekommen, wenn er geliefert wird.

"Ich habe schon schlimmere Krisen erlebt"

Auch Richard Beer, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts Fischer Center für strategische Anwendung von Informationstechnologie an der Berkeley Universität, hat für die Untergangspropheten nur ein Achselzucken übrig: "Ich lebe seit 13 Jahren in der Gegend und habe schon schlimmere Krisen erlebt."

Schon Anfang der 90er waren die Vorhersagen düster für das Valley, als das Budget für die zum großen Teil hier ansässige Verteidigungsindustrie nach dem Ende des kalten Krieges zusammengestrichen wurde und gleichzeitig die Produktion von Computern und Chips nach Fernost wanderte. "Damals jammerten alle und fragten: Wie soll es nur weiter gehen?", erinnert sich Beer. "Dann kam das Internet und ein neuer Wachstumszyklus."

"Das Silicon Valley wird sich immer wieder neu erfinden", prophezeit der Wirtschaftsforscher mit amerikanischem Optimismus. Schließlich lebe die Region von einer einzigartigen Ansammlung von Talenten, die in den Unis Stanford und Berkeley ausgebildet werden. Und von Geld - viel Geld: "Die Wagniskapitalgeber vor Ort sind durch Technologie reich geworden, kennen sich in der Branche aus und können sich für sie begeistern. Die lassen das Geld nur ungern aus dem Silicon Valley herausfließen."

"Wir hatten zuviel Geld"

Unternehmensberater Carlson ist sogar erfreut über die Krise: "Das ist eine gute Sache. Das letzte Jahr des Wirtschafts-Booms hat der Region wirklich geschadet - mehr als die Krise jetzt." Im Herz des Kapitalismus scheint seine Begründung schwer zu fassen: "Wir hatten zu viel Geld." Man glaubt sich verhört zu haben, aber Carlson giftet weiter: "Wenn ein Ort wie Silicon Valley zu viel Geld hat, dann bedeutet das, dass Wagniskapitalgeber auch Idioten Geld geben." Diese wenig schlauen Unternehmensgründer würden kluge Leute einstellen und sie dazu bringen, sich monatelang mit dummen Dingen zu beschäftigen. "Das hält die klugen Köpfe davon ab, für gute Firmen nützliche Dinge zu entwickeln."

Carlson glaubt, das Silicon Valley werde seinen einst guten Ruf erst zurück gewinnen, wenn Talente für gefestigte Unternehmen zukunftsträchtige Produkte entwickeln. "Erste Anzeichen dafür gibt es bereits: Firmen wie SAP reiben sich die Hände, weil sie jetzt Talente bekommen, auf die sie wegen der ganzen Dotcoms im vergangenen Jahr keinen Zugriff hatten", ergänzt Wirtschaftsforscher Beer.

Berater Carlson hält die Krise sogar für eine gute Zeit für Innovationen: "Auch das Internet wurde in der Rezession zu Beginn der 90er Jahre enorm weiterentwickelt." Douglas Henton, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Collaborative Economics, sieht Firmen wie den Softwarehersteller BEA an der Spitze eines neuen Aufschwungs. Es müsse aber keineswegs traditionelle Computertechnik sein, die das Wiedererstarken des Valleys anführt. Neue Geschäftsfelder wie die Biotechnologie könnten der Region starke Wachstumsimpulse geben.

Zeitpunkt für die nächste Innovationswelle

Auch wenn es noch nicht sichtbar ist: Durch die stärkere Konzentration auf echte Technologie und den Ausleseprozess unter den Firmen werden die Voraussetzungen für die nächste Innovationswelle bereits jetzt geschaffen, sind sich die Experten einig. Beer glaubt, dass ein neuer Innovationsschub nicht mehr fern ist: Alle drei bis vier Jahre beginne ein neuer Zyklus.

Ob es noch so lange dauert, bis sich die Wirtschaft erholt, vermag im Valley keiner zu sagen. In einer Sache ist sich Carlson aber sicher: "Es wird das erste Mal sein, dass sich die Wirtschaft im Rest des Landes schneller erholt als im Silicon Valley." Der Abschwung sei zu rasant gekommen, als dass eine schnelle Erholung möglich sei. Collaborative-Economics-Chef Henton sieht das Comeback des Silicon Valley bereits vor sich - in sechs bis neun Monaten. Bis dahin wird die Region "für eine kurze Zeit ein wenig lebenswerter werden", spottet er. Denn so mancher hat jetzt auch angenehmere Arbeitszeiten.

Das einzige, was einen Aufschwung wirklich gefährden könnte, sei eine anhaltende Konjunkturschwäche in Europa und Asien. "Schließlich kommen mehr als ein Drittel der US-Exporte aus Kalifornien." Wenn diese Märkte wegbrechen, ist auch im Valley Flaute. Grund zur Aufregung sieht er dennoch nicht: "Wir sind jetzt ungefähr da, wo wir Ende 1998 waren. Und damals ging es wirklich nicht schlecht."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%