Wird die deutsche Sprache "verhunzt"?
Studie zu SMS: Spaßig, unverbindlich, näher als ein Brief

Ob auf dem Schulhof, in der Straßenbahn oder an der Bushaltestelle: Überall tippen vor allem Jugendliche eifrig Kurz- Texte (SMS für Short-Message-Service) in ihr Handy, verschicken die bis zu 160 Zeichen langen Nachrichten und warten gespannt auf Antwort. Mittlerweile sind die Deutschen Weltmeister im Versenden der Mini-Botschaften.

dpa HANNOVER. Knapp 20 Milliarden Kurzmitteilungen verschickten sie im vergangenen Jahr. "Die Kommunikation via SMS ist in der heutigen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken", sagt der Germanistik- Professor Peter Schlobinski von der Universität Hannover. Der Sprachwissenschaftler hat jetzt eine der ersten Studien zur SMS- Kommunikation vorgelegt.

"Kennzeichnend ist die sprachliche Ökonomie. Der Benutzer will so viele Informationen wie möglich in den 160 Zeichen unterbringen", sagt der 47-Jährige. Daher sind zahlreiche Abkürzungsformen das auffälligste Kennzeichen der neuen Sprache. "Pronomen werden weggelassen wie beim Telegrammstil, es gibt zahlreiche Abkürzungen, die aus der Chat-Kommunikation übernommen wurden." Dazu gehören zum Beispiel "hdl" für "hab Dich lieb", "g" für "grins" oder "guk" für "Gruß und Kuss". Für die Studie hat sein Team insgesamt 750 Kurz- Nachrichten von 150 Handy-Besitzern ausgewertet.

Auch bekannte Zeichen aus dem Internet werden verwendet wie: -) für fröhlich oder: -( für traurig. "Wie im Internet gibt es eine hohe Toleranz gegenüber Fehlern, auf Kommata und Punkte wird weitgehend verzichtet", sagt Schlobinski. Schließlich handele es sich bei der SMS-Kommunikation um "eine mündliche Sprache, die schriftlich festgehalten wird". Trotzdem hat der Professor keine Angst, dass die deutsche Sprache verhunzt oder die Schüler sprachlich verarmen werden. "Dann müssten die Finnen bei der PISA-Studie ganz unten stehen. Dort lernen schon Vorschüler den Umgang mit Handy und Internet."

Im Gegenteil: "Die Jugendlichen lernen, sich sprachlich neu auszudrücken", glaubt der Wissenschaftler. Gedicht- und Kurzgeschichten-Wettbewerbe im SMS-Format kurbeln zusätzlich die Fantasie an. Auch mit einem anderen Vorurteil räumt Schlobinski auf: "Handy-Benutzer, die viele SMS-Botschaften verschicken, sind auch sonst sehr kommunikative und offene Menschen." SMS-Botschaften seien in erster Linie ein Mittel zur Kontaktpflege, persönliche Kontakte ersetzten sie nicht. "SMS-Nachrichten sind unverbindlicher als ein Telefonat, aber näher als ein Brief."

Nach Ansicht Schlobinskis werden die Neuen Medien die Gesellschaft ähnlich stark wie der Buchdruck oder das Fernsehen verändern. "Wer nicht in der Lage ist, mit der Wissensgesellschaft zu schwimmen, der wird irgendwann untergehen." Deshalb sei es eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, alle an diesem Fortschritt teilhaben zu lassen. Mit der Weiterentwicklung der Mobilfunktechnik können über mobile Internet-Portale bald Bilder, Videos und Tonaufnahmen übers Handy verschickt werden. "Dann ist an jedem Ort der Welt zu jedem Zeitpunkt jedes Wissen verfügbar."

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