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Wird Mobile Multimedia die Internet-Investitionsruinen refinanzieren?

Mobile Publishing könnte die Internet-Investitionen refinanzieren, meint Olaf Deininger. Aber Achtung, auch mobile Medien werden die traditionellen Geschäftsmodelle der Medienindustrie nicht retten, kontert Stephan Sempert.

Vergesst das Internet, rufen viele Experten der Medienindustrie zu. Und sie haben recht, meint Olaf Deininger, ahnen aber nicht weshalb.

Eigentlich ist es schon lustig: Da müht man sich jahrelang mit einem neuen Medium ab, investiert, schult, sammelt Erfahrung, baut Know How auf ... und dann läuft einem ein Abfallprodukt glatt den Rang ab. So geschehen in den ersten beiden Wochen der Fußballweltmeisterschaft. Während der (kostenlose) Webserver des Magazins Kicker seinen Traffic verdreifachte, vervierfachte sich die Nachfrage und damit der Absatz an (bezahlten) News-SMS des Magazins.

Dabei handelt er sich bei SMS um ein technisches Abfallprodukt, was findige Ingenieure einfach mal so in ihre Netze und Hardware integrierten, um untereinander ein wenig effektiver kommunizieren zu können. Dann entdeckten die Kids dieses Feature und simsten drauf los. Abfallprodukt auch deshalb, weil es sich bei den ersten gebührenpflichtigen SMS-Diensten eigentlich um verstümmelte Reste aus der "normalen" Content-Produktion handelte, Meldungen, die man technisch oder per Hand auf die 160 Zeichen einer SMS zurechtgestutzt hatte.

Und nun stellt sich heraus: SMS wächst mittlerweile schneller als das Web, das Bezahlen von Inhalten wirft hier keine Probleme auf und alles fragt sich weshalb. Vielleicht deshalb: SMS ist die intimste aller Arten von Massenkommunikation. Es ist individueller, weil die Nutzer das Handy für ihr ganz persönliches Kommunikationsgerät halten (der PC gilt bei der Mehrheit immer noch mehr als Arbeits- und damit als Quälgerät, denn als Kommunikationsmaschine). Das Handy arbeitet "anytime", weil es im Gegensatz zum PC immer angeschaltet ist (außer wir schlafen und dann würde auch ein funktionierendes Handy nicht viel nutzen), und es funktioniert "anywhere", da man es in eingeschaltetem Modus überall mit hinnehmen kann.

Und es stellt sich weiter heraus: Je gründlicher ein Verlag oder ein Medienunternehmen seine Produktion digitalisierte, desto besser ist es nun für das mobile Publizieren aufgestellt. Und je besser die digitale Produktionskette funktioniert, desto geringer sind die Investitionen ins diese neuen Plattformen. Will heißen: Der Weg zum Turnaround ist gar nicht so weit ...

Eins zu Null fürs Zufallsprodukt? Vielleicht! Das wird der Normalbetrieb nach der Weltmeisterschaft zeigen. Denn schließlich kickt sich Deutschland nicht jede Woche ins Viertelfinale.

Die Ruinen versunkener Imperien wurden immer schon von nachfolgender Generationen als Steinbruch genutzt. Und recht so, sagt Stephan Sempert.

Es wäre volkswirtschaftlich bedauerlich, würden die vielen nicht mehr benötigten Sun-Server etwa zu Hamster-Käfigen umgebaut, nur um die Kosten der umweltgerechten Entsorgung zu vermeiden. Insofern kann die Weiterentwicklung schlecht ausgelasteter Internet-Infrastruktur als Plattform für mobile Anwendungen nur begrüßt werden. Aber Vorsicht: Nur weil sie jetzt Räder hat, wird die Oma noch nicht zum Omnibus. Und Geschäftsmodelle, die im Internet keinen Profit gebracht haben, werden auch als mobile Anwendung nicht zum Laufen kommen.

Für die Verwerter von klassischem Content, Medienunternehmen also, bedeutet das zweierlei: Sie können schnell und ohne großen technischen Aufwand einen Einstieg in die neuen Vertriebswege wagen. Aber auf Dauer erfolgreich werden sie nur sein, wenn sie die Verwertung nicht nach dem Prokrustes-Prinzip betreiben. Also nicht solange abschneiden, bis die Meldung in das Medium passt, sondern sich auf die Suche nach dem mobilen Mehrwert begeben. Location Based Services oder aber auch die Integration in mobile Unterhaltungsanwendungen seien hier als Beispiel genannt.

Ganz besonders aber seien die gewarnt, die in ihren Business Plänen Einnahmen aus mobilem Marketing einplanen. Auch die ersten Banner im Internet haben traumhafte Ergebnisse erzielt, und die Architekten der digitalen Wirtschaft in völlig neuen Dimensionen träumen lassen. Aber nach kurzer Zeit war der spielerische Reiz des neuen vorbei und damit auch die Attraktivität des Mediums für Werbetreibende.

Entscheidend wird auch die Frage sein, wie lange es den Telekomgesellschaften gelingt, mehr als den Zugang zu mobilen Inhalten zu kontrollieren. Spätesten mit den auf Dauer unvermeidlichen Flatrate Tarifen werden auch die anarchischen Elemente des Internet wieder belebt werden. Schreiben Sie den Autoren: olaf.deininger@mediaone-hh.de Stephan@Sempert.net

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