Wird Nokia aus IBM´s Geschichte lernen?
Wenn Riesen ringen

Auf dem Handy-Markt kündigt sich ein gewaltiger Kampf an: Microsoft gegen Nokia. Ausgang? Völlig offen.

"Sklave." Nur ein Wort wirft der Beamer auf die Wand der Nokia-Zentrale. Dann betreibt Nomura-Analyst Keith Woolcock, was in Helsinki als Blasphemie gilt: "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein römischer Galeeren-Sklave und vorne steht jemand, der die Peitsche schwingt. Sie sind Microsofts Sklaven. Gewöhnen Sie sich dran." Die Nokia-Manager schweigen. Keine Fragen, Abgang.

Das war im vergangenen April. Woolcock könnte Recht haben. Handys entwickeln sich zu Mini-Computern, bieten Internet-Zugang und Spiele, können sogar Fotos anzeigen. Dazu müssen sie mit der entsprechenden Software ausgestattet sein - Auftritt Microsoft. Der Konzern hat Software für Multimedia-Telefone entwickelt und bemüht sich um Allianzen mit Handy-Herstellern.

Die Situation erinnert an IBM?s Geschichte: Lange Zeit beherrschte der Konzern den Markt für PC - dann kam ein Softwarehaus namens Microsoft. Dieses nutzte seine Kontrolle über die Software, um den Löwenanteil der PC-Profite für sich einzustreichen. Am Ende verramschte IBM seine Rechner mit winzigen Margen und suchte sein Heil in Dienstleistungen.

Die Geschichte könnte sich wiederholen

Die Geschichte könnte sich wiederholen - mit Nokia als Opfer. Noch sieht es nicht so übel aus. Im ersten Quartal 2002 verkaufte Nokia weltweit 35 % aller Mobiltelefone, mehr als doppelt so viel wie die Nummer zwei, Motorola. Neidisch blickt die Branche auf die Gewinnmargen von 20 %. In einer Mitteilung senkten die Finnen vergangenen Dienstag aber ihre Umsatzerwartung für 2002. Ein Grund: die schwache Handy-Nachfrage.

Auf eine Rolle als Sklave hat Nokia jedoch keine Lust. In aller Stille haben die Finnen eine Strategie entwickelt, um selbst den Standard für Handys zu setzen: Sie verkaufen ihre Multimedia-Programme für Mobiltelefone günstig an Konkurrenten.

Fragt man Nokia-Chef Jorma Ollila, ob die Handy-Branche den Weg der PC-Hersteller nimmt, wird er eisig wie das Wasser im Fjord vor der Firmenzentrale: "Ich glaube nicht, dass dieses Argument zieht." Aber er gibt zu: In der Branche tobt der härteste Kampf derzeit um das Thema Software. Deshalb hat er diesen Bereich einem engen Vertrauten übergeben, dem 40-jährigen Pertti Korhonen.

Software-Allianz gegen Microsoft

Nokia hätte sich allerdings auch mit Microsoft verbünden können. Microsoft-Chef Bill Gates schlägt Ollila 1998 vor, gemeinsam Handy-Software zu entwickeln. Der Finne lehnt ab: Er fürchtet, Microsoft wird am Ende den größten Teil der Gewinne für sich einstreichen. Stattdessen tut er sich zusammen mit dem britischen Handheld-Hersteller Psion und dem Erzrivalen Ericsson. Gemeinsam gründen sie das Software-Joint-Venture Symbian, dem später auch Motorola beitritt.

Der Versuch, Microsoft so aus dem Markt zu halten, scheitert. Die Amerikaner vereinen ihre Kräfte mit der südkoreanischen Samsung und entwickeln eine Windows-Version für Handys unter dem Decknamen Stinger.

Gleichzeitig umwirbt Microsoft die Netzbetreiber. Ende 2000 entscheidet sich Vodafone für eine Microsoft-Software, die Handys und E-Mail-Postfächer in Unternehmen verbindet.

Symbian dagegen schlingert. Mehrere wichtige Mitarbeiter haben die Nase voll von den bürokratischen Strukturen - sie kündigen. Der Zeitplan gerät immer mehr außer Kontrolle, außerdem entschieden die Partner, nur Betriebssysteme für Telefone zu entwickeln. Pläne für eine Software, die dem Nutzer erlaubt, selbst komplizierteste Funktionen mit einer Hand auszuführen, werden verworfen.

Anders als die restlichen Symbian-Partner hält Nokia diese Entwicklung für wichtig und beginnt auf eigene Faust, unter dem Namen "Series 60" weiterzubasteln. Ursprünglich will der Konzern diese Software für sich behalten - doch Nokia hat Angst, in eine ähnliche Falle zu laufen wie Apple. Der Computerpionier hatte, im Gegensatz zu Microsoft, seine Software nicht lizenziert, sondern nur in eigenen Geräten installiert. Marktanteil heute: 5 %. Deshalb drängen Korhonen und Nokias Vize-Präsident Niklas Savander ihren Chef Ollila Mitte 2000, Series 60 an andere Hersteller zu lizenzieren - bevor Stinger loslegen kann.

Ollila mag die Idee - ist aber nicht überzeugt, ob sie in der Praxis funktioniert. Die Mobilfunkindustrie boomt Mitte 2000 noch, Nokias Rivalen haben genug Kapital, um selbst Software zu entwickeln. Warum sollen sie ihren Erzfeind den Weg der Branche kontrollieren lassen? Neun Monate lang diskutieren die Nokia-Strategen. Savander erklärt damals: "Es mag aussehen, als ob wir uns im Kreis drehen, aber wir klettern eine Wendeltreppe hoch."

Auch Microsoft hat zu kämpfen. Das Entwicklungsprojekt mit Samsung liegt hinter dem Zeitplan, die Koreaner haben Probleme, die komplexe Software auf normalen Handys zum Laufen zu bringen. Um die Software schneller auf den Markt zu bringen, kauft sich Microsoft beim jungen britischen Handy-Hersteller Sendo ein, der an einem Multimedia-Gerät arbeitet.

Nach der Krise wird Series 60 günstig

Mit der Krise stürzt Mitte 2001 auch Nokias Aktie - doch für Series 60 eröffnen sich neue Chancen. Nun wird die Lizenzierung der Software attraktiv für die Konkurrenz: Sie spart Entwicklungsgelder. Savanders Leute unter dem Dach der Tochter Nokia Mobile Software nehmen den Skeptikern gleichzeitig die Angst vor einer Machtübernahme Nokias, indem sie Lizenznehmern sogar den Quellcode überlassen. Ben Wood, Analyst beim Marktforscher Gartner, hält das für eine Sensation: "Das sind Nokias Kronjuwelen."

Wie viel der Konzern für diesen Staatsschatz verlangt, sagt er öffentlich nicht. Analysten schätzen, dass es wenige Dollar pro Handy sind, hinzu kommen 5 $ für das Symbian-Betriebssystem. "Sie verkaufen sich unter Wert", lästert Juha Christensen, Vize-Präsident der Mobil-Abteilung Microsofts. "Der Wert der Software ist gewaltig."

Sein Arbeitgeber kontert mit einem neuen Angebot: Mobilfunkanbieter können Handys unter der eigenen Marke aber mit Microsoft-Software auf den Markt bringen. T-Mobile und Verizon sind bereits dabei. Für Nikesh Arora, bei T-Mobile zuständig für New Business, ist die Rechnung simpel: "86 % der Firmen nutzen Microsoft-Programme - man kann in diesem Geschäft nicht gewinnen, wenn die Programme nicht mit Microsoft kompatibel sind."

Siemens ist der erste Series 60 Lizenznehmer

Nokia lässt sich nicht beirren. Das Modell 7650, das diesen Monat auf den Markt kommen soll, wird das erste mit der neuen Multimedia-Software sein und dabei vor allem die eingebaute Digitalkamera unterstützen. Siemens ist gleichzeitig der erste Konkurrent, der eine Lizenz für Series 60 erworben hat, an weiteren Versionen wollen die Münchener sogar mitbasteln.

Die Schlacht scheint eröffnet: "Heute besitzen eine Milliarde Menschen ein Handy", erklärte kürzlich Anssi Vanjoki, Vize-Präsident von Nokia Mobile Phones auf einer Tagung in London. "In den kommenden 12 bis 36 Monaten werden all diese Geräte ausgetauscht... Series 60 bringt das mobile Erlebnis auf eine neue Ebene." Microsoft hörte bei diesen Worten gut mit: Im Publikum saßen zwei Nachwuchs-Manager des Software-Riesen - und schrieben eifrig.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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