Wirtschaft der zehn neuen Staaten profitiert von Erweiterung
Frischzellenkur für den Koloss Europa

Am 1. Mai entsteht in Europa ein ökonomischer Koloss, ein einheitlicher Wirtschaftsraum mit 456 Millionen Konsumenten. Mit dem Beitritt von acht Staaten in Mittel- und Osteuropa sowie Zypern und Malta steigt die Zahl der EU-Mitglieder von 15 auf 25, die Größe der Bevölkerung nimmt um ein Fünftel zu. Dass die Neu-Mitglieder bereits seit Jahren von diesem Integrationsprozess massiv profitieren, ist unstrittig. Doch bei der Suche nach Wachstums- und Wohlstandseffekten im Westen müssen die Experten zur Lupe greifen.

DÜSSELDORF. Die Wirtschaftsleistung der EU wird sich durch die Erweiterung nominal nur um 5 % erhöhen, rechnet der Volkswirt Ognian Hishow vor, der bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin die EU-Integration erforscht. Ökonomisch sind die Beitrittsländer Leichtgewichte: Ihre Wirtschaftsleistung beträgt insgesamt 433 Mrd. Euro - oder ein Zwanzigstel des Bruttoinlandsprodukts der aktuellen EU der fünfzehn Mitgliedstaaten.

Dennoch: "Das kann ein richtiger Konjunkturschub werden", frohlockt zumindest Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. Die Mehrzahl der Wirtschaftsforscher ist indes deutlich skeptischer. Das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) erwartet "keine gravierenden unmittelbaren Folgen für die Wirtschaftsentwicklung". Erst mittel- bis langfristig sei mit positiven Effekten zu rechnen. "Vorerst bleibt die Osterweiterung ein politisches Projekt", resümiert Integrations-Experte Hishow.

In den alten EU-Staaten dürfte das Bruttoinlandsprodukt in den kommenden zehn Jahren dank der Erweiterung nur um magere 0,5 % höher ausfallen, schätzt die EU-Kommission. Die hinzukommenden Volkswirtschaften seien schlicht zu klein, um einen größeren Effekt zu bewirken. In den Beitrittsländern dürfte das Wachstum im gleichen Zeitraum aber um 8 bis 18 % höher liegen, schätzt Volkhart Vincentz, Wirtschaftsexperte am Osteuropa- Institut in München. Die Osterweiterung sieht er dafür aber nicht als ausschlaggebend, sondern die Globalisierung im Allgemeinen, also die Verlagerung von Produktionsstätten.

Einen ähnlichen Wachstumsschub wie in den 90er Jahren wird es aber kaum noch einmal geben. Damals floss im Zuge der Handelsliberalisierung ausländisches Kapital in Strömen nach Osten und löste einen beachtlichen Strukturwandel aus, in dessen Verlauf die Wirtschaften der Beitrittskandidaten boomten. Inzwischen ist die Liberalisierung aber weitgehend abgeschlossen. "Der Höhepunkt der Verlagerung von Produktionsstätten nach Osteuropa liegt hinter uns", sagt Henning Klodt, Wachstumsexperte beim Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. "Der Aufholprozess bei den Direktinvestitionen ist beendet", ergänzt Vincentz. Künftig werde sich die lohnintensive Fertigung - zum Beispiel die Bekleidungsindustrie - weiter nach Osten verschieben, nach Rumänien und in die Ukraine.

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