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Wirtschaft gegen generelle 40-Stunden-Woche

Führende Wirtschaftsvertreter haben sich gegen eine generelle Rückkehr zur 40-Stunden-Woche und stattdessen für flexiblere Arbeitszeitregelungen ausgesprochen. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) schwächte seine Forderung nach einer Arbeitszeit-Verlängerung für Westdeutsche ab.

dpa BERLIN. Führende Wirtschaftsvertreter haben sich gegen eine generelle Rückkehr zur 40-Stunden-Woche und stattdessen für flexiblere Arbeitszeitregelungen ausgesprochen. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) schwächte seine Forderung nach einer Arbeitszeit-Verlängerung für Westdeutsche ab.

Auf Antrag der Union soll der Bundestag in dieser Woche in einer Aktuellen Stunde über den gescheiterten Regierungsvorstoß zur Verlegung des Einheitsfeiertages und die nachfolgende Diskussion um Arbeitszeiten debattieren. Das kündigte CSU-Landesgruppenchef Michael Glos am Dienstag in Berlin an.

Der Präsident des Industrie- und Handelskammertages Ludwig Georg Braun sagte der "Berliner Zeitung", notwendig sei "keine Rückkehr zur traditionellen 40-Stunden-Woche, sondern Zeitkorridore, die phasenweise und je nach Auftragslage höhere Wochenstundenzahlen ermöglichen". Wichtig sei, dass die Unternehmen generell mehr Spielraum für individuelle Arbeitszeitstrategien bekämen.

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser sprach sich für einen wöchentlichen "Arbeitszeitkorridor zwischen 30 und 40 Stunden" aus. Dabei solle es eine proportionale Bezahlung geben, sagte der Chef des Arbeitgeberverbandes dem Berliner "Tagesspiegel". Wo es vorübergehend aus konjunkturellen Gründen an Aufträgen mangele, "sollte 30 Stunden mit entsprechender Lohnabsenkung gearbeitet werden, was heute schon möglich ist". Für eine Verlängerung auf 40 Stunden auch ohne Lohnausgleich plädierte er, "wenn ein Kostenproblem besteht".

Thierse sagte im Deutschlandradio Berlin, er sei sicher, dass viele Deutschen zur Mehrarbeit bereit seien, um ihren Arbeitsplatz zu sichern. Dies sei aber nur unter bestimmten Bedingungen sinnvoll. "Man muss nüchtern danach fragen, ob Mehrarbeit als generelle Regelung ein sinnvoll ökonomisches Unterfangen ist oder ob es nicht vor allem darum geht, mehr differenzierte Regelungen zu ermöglichen, weil es ja nicht überall gleich viel Arbeit gibt."

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) verteidigte seine Forderung nach Mehrarbeit. Deutschland brauche mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit, mehr Entscheidungsbefugnisse in Betrieben und als Richtgröße die 40-Stunden-Woche. "Mehr Arbeit bringt mehr Wachstum", sagte Stoiber.

FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt plädierte für einen flexiblen Umgang mit Arbeitszeitmodellen. Eine 40-Stunden-Woche als starres Schema sei nicht viel besser als eine starre 35-Stunden-Woche. Dies werde den betriebliche Besonderheiten nicht gerecht. Grünen-Fraktionschefin Krista Sager erklärte, die Debatte, ob Deutschland zu wenig arbeite, gehe am Problem vorbei. In dieser Frage sei die Tarifautonomie am Zug. Der Union gehe es lediglich darum, von der Diskussion um einen Subventionsabbau abzulenken.

Der SPD-Arbeitnehmerflügel erinnerte daran, dass die tatsächlichen Arbeitszeiten "deutlich über den tariflichen Wochenarbeitszeiten" lägen. Viele Tarifverträge böten ein hohes Maß an Flexibilität, "die häufig überhaupt nicht genutzt wird", sagte der Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, Ottmar Schreiner. Der DGB-Vizevorsitzende Heinz Putzhammer sagte: "Zu glauben, mit genereller Arbeitszeitverlängerung würde irgendein ökonomisch messbarer Effekt erreicht, ist ein Irrtum."

Auch der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Harald Schartau (SPD) wandte sich gegen Patentrezepte. Für mehr Wachstum greife die Forderung nach längerer Arbeitszeit zu kurz, sagte er im Westdeutschen Rundfunk.

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