Wirtschaft im US-Wahlkampf
Es war einmal eine Stadt

Wieder schließt eine Fabrik in Ohio. Schuld daran ist der Freihandel, klagt Amerikas Arbeiterklasse. Hillary Clinton will das gegen Barack Obama ausnutzen – doch das fällt ihr schwer. Ein Handelsblatt-Report aus Tiffin, Ohio.

TIFFIN. Wortlos schiebt Jerri Haver den Hefter mit den Tabellen über den Tisch. Aufgeschlagen hat er Seite fünf. Da steht „Lohnkostenvergleich“. Darunter: Stundenlohn in Tiffin 16,64 Dollar, Stundenlohn in Mexiko: 1,77 Dollar. „Für die stand damit die Entscheidung fest“, sagt Haver.

Das letzte Werk der Firma American Standard auf amerikanischem Boden war ganz plötzlich Geschichte.

„Die“, das sind die Manager des Finanzinvestors Bain Capital. Keine vier Wochen zuvor hatte American Standard das Werk an Bain verkauft – viele in Tiffin hatten da schon eine üble Vorahnung. Nur Haver wollte bis zu diesem 26. November 2007 nicht glauben, dass es für ihn nach 37 Jahren Betriebzugehörigkeit zu Ende sein sollte.

„Das kam wie ein Schock“, sagt Haver. Noch für ein paar Tage sind 40 Arbeiter damit beschäftigt, Maschinen abzumontieren und auf die Reise nach Mexiko zu schicken. Dann ist auch die größte Fabrikanlage entlang der einst so stolzen Wall Street von Tiffin freigegeben zum Abwracken.

Es ist schon jetzt ein Bild des Jammers, das sich dort bietet. Eine Industriebrache grenzt dort an die andere. Loks verrotten auf Gleisen, die nirgends mehr hinführen. Von Baracken fällt der Putz ab. Im Stadtzentrum sind bei manchen Häusern die Fenster im oberen Stock zugemauert.

Tiffin ist zu einem weiteren Symbol des Niedergangs in Ohio geworden. Tiffin ist Teil des „Rostgürtels“, der von West Virginia, Pennsylvania, New Jersey und Michigan nach Ohio reicht. Erst kamen die Baumwollspinnereien, dann Eisen, Kohle, Stahl. Doch seit den 70er-Jahren blutet das industrielle Herz Amerikas aus – und mit ihm Teile der Arbeiterklasse.

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