Wirtschaft interessiert die Wähler am meisten
Kerry balanciert zwischen Industrie- und Arbeitnehmernähe

Die Wähler in den USA interessiert nach Umfragen in erster Linie eins: die Wirtschaft. Da können amerikanische Wahlkampfstrategen und Medien noch so viel über die Irak-Politik, Terrorbekämpfung und uralte Militärdienste der Kandidaten streiten.

HB WASHINGTON. Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry versucht es mitunter mit einer Frage an die Wähler, die Ronald Reagan vor mehr als 20 Jahren im Rennen um das Weiße Haus effektiv einsetzte: "Geht es euch heute besser als vor vier Jahren?". Die Antwort ist aber nicht so eindeutig wie damals. Mill. Menschen haben unter Bush von Steuersenkungen profitiert. Mill. haben aber auch ihre Arbeit verloren.

Bush wird der erste Präsident seit Herbert Hoover (1929-33) sein, in dessen Amtszeit mehr Arbeitsplätze verloren gingen als geschaffen wurden. Wenige Wochen vor der Wahl steht die Bilanz bei minus eine Million. Doch der Vorsprung in der Wählergunst, der Kerry beim Thema Wirtschaft daraus erwuchs, ist nach jüngsten Umfragen verpufft.

Das macht Kerrys Drahtseilakt nicht einfacher: einerseits muss der Vertreter der Partei, die traditionell eher für die Interessen des "kleinen Mannes" eintritt, Unternehmer überzeugen, dass er eine wirtschaftsfreundliche Politik plant. Andererseits will er bei Wählern punkten, die unter Bush gelitten haben.

Stolz hat Kerry die Namen von 200 Firmenbosse präsentiert, die auf seiner Seite stehen, darunter Superreiche wie Investor Warren Buffett etwa und der Mitbegründer von Apple, Steve Jobs. Das Signal: Er hat auch Rückhalt in der Unternehmerwelt. Parteistrategen wie Gerald Austin aus dem Arbeiterstaat Ohio machen sich Sorgen, ob Kerry nach dem Schmusekurs mit diesen Millionären als Anwalt von Arbeitern und Kleinverdienern überhaupt überzeugen kann.

Kerry stammt aus einem Diplomatenhaushalt und verkehrt seit Jahren in den reichsten Patrizierkreisen der Ostküste. Er ist selbst Millionär, verheiratet mit der superreichen Ketchup-Erbin Teresa Heinz. "Kerry geht als Mann des Volkes ins Rennen, und wo lassen sie ihn ablichten? Beim Snowboarden im edlen Wintersportgebiet Sun Valley und beim Windsurfen vor dem Luxusparadies Nantucket - wir in Ohio spielen Football", meint Austin besorgt.

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