Wirtschaft sieht Milliardenschaden
Produktfälscher profitieren vom Internet

Früher beschlagnahmte der Zoll bisweilen ganze Lastwagenladungen mit gefälschten Produkten aus Fernost. Heute gelangt die kopierte Markenware oft auf sehr viel schwerer zu kontrollierende Weise über die Grenze - auf dem Postweg, jedes gefälschte Paar Adidas-Schuhe in einem eigenen Paket. Das Internet macht?s möglich.

BERLIN. Zurzeit flattert vielen Kunden von Internet-Auktionshäusern unerfreuliche Post ins Haus. Statt ihrer bestellten Sportschuhe oder Trikots erhalten sie eine Mitteilung vom deutschen Zoll, dass die Ware beschlagnahmt ist und nicht geliefert wird. Der Grund: Die Kunden sind auf einen der zahllosen Anbieter gefälschter Markenartikel hereingefallen.

Immer häufiger kommt diese illegale Ware nicht mehr in Containerschiffen oder Lastwagen nach Deutschland, sondern in scheinbar harmlosen Einzelpäckchen. Die Absender sitzen in Südostasien und stellen von dort ihre Angebote ohne großes Risiko - und oft für den Käufer kaum ersichtlich - auf die Plattform der Internet-Auktionshäuser.

Hunderte beschlagnahmte Päckchen mit gefälschten Adidas-Fußballschuhen aus Thailand stapeln sich nach Angaben des Aktionskreises Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM) im internationalen Frachtzentrum am Flughafen in Frankfurt. Im internationalen Handel mit gefälschten Markenartikeln nur die Spitze des Eisbergs: APM-Experte Joachim Renner etwa glaubt, dass sich der Schaden für die Firmen mittlerweile in zweistelliger Milliardenhöhe bewegt. Die EU-Kommission schätzte gar, dass rund 10 % des Welthandels mit gefälschter oder illegal kopierter Ware abgewickelt wird.

Zoll beschlagnahmt Teletubbies und Pokémons

Betroffen ist eine Vielzahl von Produkten von Software bis zum Autozubehör. Besonders gerne kopieren Produktpiraten aber Lifestyle- oder Merchandising-Artikel, weil der Name des Produktes für die Käufer oft einen größeren Wert hat als das verarbeitete Material - und die Gewinnspannen der Fälscher um so größer sind. So hatten aufmerksame Zöllner in den vergangenen Jahren erhebliche Mengen an Plagiaten etwa der Kinderserie Teletubbies oder Pokémon sichergestellt.

Dabei zeigen sich die Markenpiraten immer findiger und nutzen zunehmend neue Einfallswege wie etwa das Internet. Denn für die Auktionshäuser sind gefälschte Produkte angesichts der Masse an Angeboten kaum kontrollierbar - auch wenn der Leiter der Zentralstelle "Gewerblicher Rechtsschutz" beim Zoll, Klaus Hoffmeister, keinen dramatischen Anstieg erkennen will. "Prinzipiell ändert das Internet nichts. Es bietet nur eine neue Plattform."

Aber die ist eben schwer zu kontrollieren. "Ein Katz- und Mausspiel", räumt denn auch Matthias Schmidt-Pfitzner, Vorstandssprecher beim Auktionshaus Ricardo.de in Hamburg, ein. "Wir bemühen uns, die Plattform sauber zu halten, aber das ist natürlich nur begrenzt möglich."

Markenfirmen durchsuchen Auktionshäuser

Unterstützt werden die Auktionshäuser von den Markenfirmen, die mittlerweile eigene Abteilungen im Internet nach verdächtigen Angeboten suchen lassen. Ricardo.de bietet außerdem unter jeder Auktion einen Button, mit dem verdächtige Angebote gemeldet werden können. Konkurrent Ebay hat ein Filter-Programm entwickelt, das Angebote löscht, die von gesperrten Mailadressen aus angeboten werden.

Verantwortung für die Fälscherware wollen und müssen die Auktionshäuser aber nicht übernehmen. Das entschied zumindest das Kölner Oberlandesgericht im November 2001 nach einer Klage des Uhrenherstellers Rolex. Der allerdings hat Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt.

Doch Unternehmen wie Adidas oder auch die APM suchen ohnehin weniger die Schuld bei den Internet-Auktionshäusern, sondern fordern vielmehr ein energischeres Vorgehen des Staates. "Wir beobachten auch, dass sich Grenzgänger in Polen oder Tschechien zunehmend mit Plagiaten versorgen - und diese dann in Deutschland im Internet oder auf Flohmärkten anbieten", sagt Ulf Wingen, Betrugsbekämpfer bei Adidas. "Nötig wäre hier eine ,Null-Toleranz-Strategie? des Zolls, der Einzelteile bei Touristen bisher nicht beschlagnahmt."

Keine Kavaliersdelikte

Für die Zöllner ist das kaum zu leisten. Doch aus Sicht der Firmen handelt sich nicht um Kavaliersdelikte. Um zumindest Schäden für die Verbraucher zu vermeiden, sollten diese auch bei Käufen im Internet erst zahlen, wenn sie die Ware gesehen und geprüft haben, rät Carel Mohn, Sprecher der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV).

Dauerhaften Erfolg wird der Kampf gegen Markenpiraten aber nur bringen, wenn schon die Produktion der Plagiate unterbunden wird. Hier könnte der Chinas Beitritt zur WTO helfen, weil Peking sich dabei auch zum Kampf gegen Markenpiraterie verpflichtete. Noch im Dezember hatte sich auch EU-Kommissar Pascal Lamy besorgt über die hohe Zahl an Raubkopien aus China geäußert.

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