Wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel
Angst vor dem Flächenbrand

Südostasien ist politisch instabil geworden. Die Attentate auf Bali könnten deshalb für Region katastrophale Folgen haben. Es droht die Flucht der Auslandsinvestoren in das noch sichere China.

HB SINGAPUR. Gerade fünf Jahre nach der immer noch nicht vollständig ausgestandenen Finanz- und Wirtschaftskrise wird Südostasien von einer neuen Krise geschüttelt: der politischen Instabilität. Die Anschläge auf Bali haben nur deutlich gemacht, was viele längst befürchtet oder gewusst haben - die Region ist latent labil. Der islamische Fundamentalismus ist auf dem Vormarsch, nicht nur in Indonesien, sondern auch in Malaysia, auch wenn die überwiegende Mehrheit der beiden Völker einem friedlichen Islam folgt. Und im Süden der Philippinen blicken die Moslem-orientierten Banditen von Abu Sayyaf auf eine lange terroristische Tradition zurück.

Doch "der Schlüssel für Südostasiens Islam - und damit auch Imageproblem liegt in Indonesien", analysiert Christopher Nailer, Regionalanalyst der Denkfabrik Economist Corporate Network (ECN) in Singapur. Militär und Geheimdienst gelten als schwach und unzuverlässig, die Präsidentin Megawati Sukarnoputri hängt von religiös orientierten Parteien ab. Deshalb ging sie bislang nicht gegen die Gewaltrhetorik muslimisch-radikaler Gruppen vor. Erstmals gestand sie, die in Jakartas führenden Schichten als schwache Präsidentin gilt, am Sonntag nach dem Verbrechen ein: "Der Terrorismus in Indonesien ist eine reale Gefahr und eine potenzielle Bedrohung der nationalen Einheit."

"Das Bombenattentat auf Bali ist der letzte Weckruf für die Region", sagte der Singapurer Sicherheitsexperte Andrew Tan vom Institut für Verteidigung und Strategische Studien (IDSS) in Singapur dem Handelsblatt, "alle Illusionen, Südostasien sei eine ,terrorismusfreie Zone, sind zerstört." Südostasien stelle längst den Boden für die Rekrutierung von Terroristen sowie deren Rückzugs- und Ruheraum dar - und jetzt auch für Anschläge.

Im Visier der Geheimdienste Malaysias und Singapurs stehen seit langem der Religionsgelehrte Abu Bakar Bashir und seine radikal-muslimische Gruppe Jemaah Islamiyah. Die Geheimdienste wie auch die USA verdächtigen ihn, mit der Terrorgruppe El Kaida verbunden zu sein. Washington verstärkt deshalb seine militärische Präsenz in Südostasien. Präsident George W. Bush sieht in Indonesien seinen wichtigsten politischen, strategischen und wirtschaftlichen Stützpunkt in der Region. So arbeiten nicht nur das amerikanische und das indonesische Militär wieder zusammen.

Auch auf die Philippinen sind die Amerikaner zurückgekehrt. Die philippinische Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo will die Terroristenfrage militärisch lösen - mit Unterstützung der Amerikaner. Schließlich stehen auch hier wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel. In der Meeresstraße von Malakka, Hauptschlagader des internationalen Seeverkehrs, sieht die US-Marine die Gefahr von Terroranschlägen vor allem auf Großtanker. Ein "hot spot" der Piraterie ist sie ohnehin schon.

Die politische Instabilität hat längst Besorgnis erregende Folgen für die gesamte Region. Tan wie auch andere Analysten befürchten - außer dem unmittelbaren Schaden für den Tourismus - negative Konsequenzen für ganz Südostasien als Standort ausländischer Direktinvestitionen. Die Region, einst Wachstumsstar der Weltwirtschaft, ist ohnehin in den Wirtschaftssog Chinas geraten, das wie ein Staubsauger Investitionen schluckt. "Zumindest werden multinationale Unternehmen die Region mit erhöhter Vorsicht bewerten", urteilt Nailer.

"Denn der Beweis, dass Terrorismus in Südostasien existiert, ist erbracht", sagt Tan. Indonesien könnte durch die Anschläge sogar "als Investitionsstandort den letzten Schlag erhalten haben". Tatsächlich ist der Zustrom an Auslandskapital in Indonesien seit Anfang dieses Jahres ohnehin schon kräftig eingebrochen. Lediglich Singapur, das ökonomische Kraftzentrum Südostasiens, vermochte bislang noch, ausländisches Produktivkapital anzulocken.

Bereits am Montag wurde eine Kapitalflucht in Indonesien registriert. Im Morgenhandel fiel der Marktwert der Börse Jakarta um 9 % auf 342,12 Punkte. Der Absturz näherte sich damit dem größten Einbruch in der indonesischen Börsengeschichte: Am 8. Januar 1998 - auf dem Höhepunkt der Asienkrise - stürzte die Börse um fast 12%. Auch der Wechselkurs der indonesischen Rupiah gegenüber dem US-Dollar sackte ab: um 3 % auf 9250 Rupiah. In Mitleidenschaft gezogen wurde auch die Börse in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, die Montagmittag auf ein Elf-Monatstief fiel.

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