Wirtschaftliche Lage übertüncht Schwächen des Kanzlerkandidaten
Stoiber im Sommerhoch

An manchen Tagen gelingen Edmund Stoiber Reden, die die längst verschüttete Kunstform des Dadaismus im Politischen auferstehen lassen. Es entstehen fast sinnfreie Satzgebilde, wie gesprochen, um die Wirklichkeit zu überwinden. "Leben heißt Freude", "Leben heißt Spaß", sagt der Kanzlerkandidat der Union mit bitterernstem Gesicht, um danach ein "aber" anzuschließen, das im weiteren Redefluss versickert. Eigentlich jedoch sollte es um das "aber" gehen. Dass man jetzt die Probleme anpacken müsse.

Der Wind auf dem Kurplatz im Ostseebad Binz zerzaust seine Haare wie er selbst, frei sprechend, seine Rede. Eine halbe Stunde dies und das und am Ende zwei Mal: "Wir trauen uns das zu", ein Mal "Ich traue mir das zu" und ein Mal "Ich traue mir das Amt des Bundeskanzlers zu." Sonnenstrahlen kämpfen sich durch das Grau des Himmels über Rügen. Der Kandidat, den winkenden Arm steil nach oben gereckt, wirkt fast wie erleuchtet. Und der Beifall der mehr als 2 000 Zuhörer, meist Urlauber, keine Parteimitglieder, ist für die schwache Vorstellung überraschend freundlich. Warum eigentlich klatschen die Leute?

Es ist Samstagnachmittag, Edmund Stoiber hat seine Sommertour durch Deutschland begonnen, eine zwei Wochen lange Reise, dazu da, die Umfragewerte in der sonst weitgehend politikfreien Zeit obenzuhalten. Er startet in Mecklenburg-Vorpommern. "Stoiber unterwegs für Deutschland" steht auf dem Bus, der viele riesenhafte, grobkörnige Stoibers zeigt, mit ganz vielen Händen, die den Ausdruckstanz der Macht üben.

"Stoiber mag kein besonders guter Redner

Stoiber zeigt sich den Kurgästen. Er tritt zwei Mal mit Angela Merkel auf; er besucht ein Schlösschen der schönen Bilder wegen; er sitzt mit Unternehmern zusammen; er redet, er winkt und lächelt und lässt seine Arme wie Hackebeilchen fallen. Und irgendwann wird klar, warum die Leute klatschen und die Schwächen des Kandidaten derzeit nicht zählen, nicht sein ungelenker Charme, nicht das verbale Durcheinander, das er manchmal hinterlässt. "Edmund Stoiber mag kein besonders guter Redner sein", sagt ein Unternehmer nach einer kleinen Runde mit dem bayerischen Ministerpräsidenten. "Aber man spürt, es ist ihm Ernst."

Das Gespräch findet im Terminal des Fährhafens Saßnitz auf Rügen statt, einem schmucklosen Ort voller Metallstreben. Die regionale Unternehmerprominenz sitzt an einem langen Tisch wie im Glashaus und schaut, wenn sie nicht den Kandidaten begutachtet, auf ein einzelnes wegfahrendes Schiff, auf leere Kais und ein paar aufeinander gestapelte Container. Das Geschäft läuft nicht so recht - eine passende Umgebung für einen Termin, über den Stoiber später zu Merkel sagen wird: "Es war sehr gut, und die Klagen sind immer die gleichen."

Ein Touristikunternehmer klagt, wie ihn die Bürokratie behindere, wie wenig Eigenkapital der Mittelstand habe und wie schlecht die Infrastruktur im Nordosten sei: "Viereinhalb Stunden braucht man samstags von Rostock nach Rügen." Ein Bauunternehmer schimpft darüber, dass "der Mittelstand keine Lobby hat". Ein anderer erregt sich über die steuerlichen Vorteile der Großunternehmen und darüber, dass "einer wie Ron Sommer ein Unternehmen kaputtmachen kann und dann noch jahrelang sein Gehalt weiterkassiert, während ich mit meinem Privatvermögen hafte".

Stoiber hört zu, die Brille hat er abgenommen, das Gesicht in ernsthafte Falten gelegt. Er macht sich Notizen, er lässt sich demonstrativ eine Statistik besorgen ("Holen Sie mir mal den Birnbauer!"). Er schlägt auf den Tisch, und je länger das Gespräch dauert, desto mehr ergreift es Besitz vom Kandidaten: Der Zeigefinger sticht in die Luft, die Beine tanzen unter dem Tisch.

"Da brauchen Sie Champions

Immer eindeutiger, deftiger werden seine Sätze: "Straßen, Straßen, Straßen - das ist das A und O." Oder: "Ein Unternehmer muss in dieser Gesellschaft als Hero angesehen werden." Oder: "Es wird eine Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften geben." Oder: "Wenn Sie einen wie (EU-Kommissar Günter) Verheugen nach Brüssel schicken, brauchen Sie sich nicht zu wundern. Das ist dritte Klasse; da brauchen Sie Champions."

Kein Punkt, in dem Stoiber nicht den Mittelständlern Recht gäbe. "Was den Mittelstand angeht, das ist die große Auseinandersetzung mit der jetzigen Bundesregierung", findet er. Weniger Abgaben, weniger Bürokratie, aber mehr Subventionen für den Osten; zwei Milliarden Euro sollen nächstes Jahr unter einer Unionsregierung zusätzlich in den Osten gehen. Mit EU-Geld, das nicht in Anspruch genommen wurde und zurück nach Berlin fließt, will die Union vor allem Existenzgründer und die Bauwirtschaft unterstützen. Die SPD dagegen möchte damit Staatsschulden bedienen.

"Es gibt Lösungen für die Probleme", hämmert Stoiber seinen Gesprächspartnern ein. Und: "Ich will hier nicht Fishing for Compliments machen, ich will etwas für unser Land tun." Es funktioniert, wie das beifällige Kopfnicken in Saßnitz zeigt. "Der hat aus Bayern etwas gemacht. Der kann es", sieht er selbst als seine "höchste Legitimation" an. Perfekt entspricht der Kandidat hier dem Kampagnenkonzept ("kantig, kompetent"), das sein Berater Michael Spreng für ihn entworfen hat und das umso besser funktioniert, je schlechter die Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage ist. Für Bundeskanzler Gerhard Schröder ist darin die Rolle des charmanten Versagers vorgesehen.

Stoibers Mutter stammt aus Dormagen

Deshalb wird es auf der Sommertour nicht nur viele schöne Bilder an schönen Orten wie Rügen geben. Man will, neben dem Thema Familie, vor allem Ökonomisches in den Mittelpunkt stellen. Wenn der Kandidat menschlich punkten kann, nutzt das Spreng-Team die Chance ohnehin entschlossen. Ein Nachmittag ist nächste Woche für Dormagen vorgesehen. Man will die vermutlich wahlentscheidenden Nordrhein-Westfalen darauf stoßen, dass Stoibers Mutter aus Dormagen stammt, der Bayer also gewissermaßen auch einer von ihnen ist. Cousinen im Osten sind, anders als bei Gerhard Schröder, noch nicht aufgetaucht.

In den neuen Ländern will Stoiber, so sagt er, "deutlich über 40 Prozent" der Stimmen holen. Dass er hier - in Mecklenburg-Vorpommern regiert Rot-Rot - auch auf Vorbehalte trifft, merkt er allerdings schnell. Am Freitagabend während einer gemeinsamen Kundgebung mit Merkel in Rostock pfeifen viele, und einen Abend später passiert dem bayerischen Ministerpräsidenten Ähnliches an unvermuteter, an hoch idyllischer Stelle.

Es herrscht Abendstimmung im Freilichttheater Ralswiek auf Rügen, mehr als 1 000 Zuschauer freuen sich auf "Die Strandräuber" der Störtebeker-Festspiele, als Edmund Stoiber einmarschiert. Einzelne "Pfui"-Rufe begleiten schon die Ernennung des Kandidaten zum "Ehrenpiraten". Als der Theaterleiter sich auch noch demonstrativ auf "bayerische Verhältnisse in Mecklenburg-Vorpommern" freut, steigt der Unmut im Publikum. "Wir wollen Störtebeker und nicht Stoiber", ruft einer in hilflosem Zorn. Immerhin, von Schröder ist keine Rede.

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