Wirtschaftlicher Schaden ist groß
EU hält im Nitrofen-Skandal vorerst still

Solange es keine Anhaltspunkte für weitere Giftquellen im Nitrofenskandal gibt, sieht EU-Kommissar Byrne keine Notwendigkeit für Sanktionen. Verbraucherschutzministerin Renate Künast fühlt sich dadurch in ihrem Aufklärungskurs bestätigt und dämpft die Besorgnisse der Verbraucher.

BERLIN. Obwohl das seit 1988 verbotene Pestizid Nitrofen inzwischen die konventionelle Landwirtschaft erreicht hat und im Futtergetreide und in Fleischerzeugnissen von immer mehr Betrieben nachgewiesen wurde, sieht die EU- Kommission weiterhin keinen Anlass für Exportbeschränkungen.

"So lange die Bundesregierung glaubhaft versichert, dass die Lagerhalle in Malchin der einzige Verseuchungsherd ist, hat Deutschland keinen Exportstopp zu befürchten", erklärte am Donnerstag die Sprecherin von Verbraucherschutz-Kommissar David Byrne, Beate Gminder, gegenüber dem Handelsblatt. Die Kommission erwartet allerdings bei der heutigen Sitzung des Ausschusses für Lebensmittelsicherheit einen weiteren "Fortschrittsbericht" des Künast-Ministeriums zur Entwicklung der Lage.

Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast versuchte die Ängste der Verbraucher zu zerstreuen. "Dass der Nitrofenskandal nun die konventionellen Produkte erreicht hat, bedeutet keinesfalls einen Anstieg der Gesundheitsgefahren," erklärte eine Sprecherin des Ministeriums auf Anfrage des Handelsblatts. Medienschlagzeilen wie "50 000 Tonnen nitrofenverseuchtes Futter für konventionelle Betriebe" seien verantwortungslos.

Von den 72 Tonnen Getreide aus Malchin, die vom Futtermittelhersteller FUGEMA mit 6 000 Tonnen anderem Weizen zusammen gelagert und anschließend unter Beimengung anderer Zutaten zu 50 000 Tonnen Futtermittel verarbeitet worden seien, sei möglicherweise nur ein Teil nitrofenverseucht gewesen, hatte der Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern Till Backhaus bereits am Mittwoch erklärt. Nach menschlichem Ermessen werde die Nitrofenbelastung in den Endprodukten aus Tieren, die mit diesem Futter gefüttert worden sind, unter der Nachweisgrenze liegen, meinte die Künast-Sprecherin.

Auch Professor Jupp Kreutzmann vom Institut für Umwelt und Analytik (NORDUM) in Kessin bei Rostock nannte die derzeitige Darstellung in der Öffentlichkeit überzogen. "Es muss sich schon jemand tagelang ausschließlich mit belasteten Eiern und Putenfleisch vollstopfen, um überhaupt ein erhöhtes Risiko zu haben." Der Direktor des Institutes für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Rostock, Gerhard Hennighausen, verwies auf Tierversuche, die eine geringe akute Toxizität (Giftigkeit) bei Nitrofen ergeben hätten.

Allerdings erwartet Künast, dass sich der ökonomische Schaden für die Landwirtschaft noch erheblich ausweiten wird. Bis gestern Abend wurden fast 550 konventionelle Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Niedersachen gesperrt, die Futter von FUGEMA bezogen hatten. Einige deutsche Handelsketten reagierten auf den Fund des Unkrautvernichtungsmittels in konventionellem Tierfutter mit Kontrollen ihrer Produkte.

Backhaus sieht die Landwirtschaft seines Landes durch Nitrofen in eine schwere Krise gestürzt. Zwar könnten die ersten der dort gesperrten rund 400 Betriebe bereits am Wochenende frei gegeben werden. Viele müssten sich jedoch, da die Prüfkapazitäten begrenzt seien, auf einen Produktionsstopp von einer Woche einstellen. Schwer wiege auch der Imageschaden. Zu den gesperrten Betrieben gehört auch der größte Schweinemastbetrieb des Landes mit 65 000 Schweinen. Ihm geht täglich ein Umsatz aus dem Verkauf von 600 Tieren verloren.

Entschieden wies das Verbraucherschutzministerium gestern Überlegungen zurück, die Betriebssperrungen könnten sich im Nachhinein als unverhältnismäßig herausstellen. "Selbst wenn wir bei den nun laufenden Prüfungen kein Fitzelchen Nitrofen finden, haben Bund und Länder richtig gehandelt." Die Sicherheit der Verbraucher habe absoluten Vorrang.

Verluste drohen auch der Branche der Mischfutterhersteller wie FUGEMA. Sie wehrten sich gegen eine "globale Verunglimpfung". Die Branche handele verantwortungsbewusst, teilte der Deutsche Verband Tiernahrung (DVT) mit. "Wir lassen unsere Produkte in den gleichen Instituten untersuchen, die auch von den Behörden für Nitrofenkontrollen in Anspruch genommen werden."

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