Wirtschaftsauskunfteien rechnen mit einem neuen Höchststand bei Insolvenzen
Auch 2003 rollt die Pleitewelle weiter

Deutschland wird sich nach Ansicht von Experten auch im kommenden Jahr auf einen neuen Pleitenrekord zubewegen. Auch ein eventueller Aufschwung kann daran nichts mehr ändern. Mitschuld an der dramatischen Entwicklung trägt nach Ansicht der Inkasso-Experten vor allem die Politik.

jkn/lü/uhl FRANKFURT/M./BERLIN. Die Horrornachrichten aus der Wirtschaft reißen nicht ab. Nach der Rekordflut bei Pleiten im laufenden Jahr erwarten Insolvenzexperten auch im Jahr 2003 eine neue Rekordmarke. "Deutschland steht am Ende der Wachstumsskala, aber vorne beim Pleitenranking in Europa", brachte Helmut Rödl, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Vereine Creditreform, die dramatische Entwicklung auf den Punkt.

Zwischen 40 000 und 42 000 Unternehmenspleiten wird es im kommenden Jahr nach Meinung von Creditreform geben. Unter dem Strich - also die privaten Insolvenzen mitgerechnet - erwartet Rödl im kommenden Jahr sogar 86 000 bis 90 000 Pleiten.

Dabei ist schon der diesjährige Rekord erschreckend. 82 400 Pleiten wird es laut Creditreform geben. An dem beachtlichen Plus von 66 % haben allerdings die Insolvenzen von privaten Personen maßgeblichen Anteil. Ihre Zahl schnellte von 17 120 auf 44 700 in die Höhe. Der Grund für diesen großen Anstieg liegt vor allem in dem neuen Recht der Verbraucherinsolvenz. Viele gescheiterte Selbstständige wickelten jetzt ihre persönlichen Schulden ab, die infolge der Pleite ihres Unternehmens aufgelaufen seien, fand Creditreform heraus.

Als Ursachen für die stets steigende Zahl von Unternehmensinsolvenzen nannte Rödl die Konjunkturflaute sowie die schwache Eigenkapitalbasis vor allem im Mittelstand. Mehr als 40 % der Mittelständler seien mittlerweile unterkapitalisiert. Rödl wies darauf hin, dass selbst in Zeiten guter Konjunktur die Zahl der Firmenpleiten nur leicht sinke, meist aber auf einem hohen Niveau verharre. So habe sich die Zahl der Unternehmenszusammenbrüche in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Rund 590 000 Arbeitsplätze gingen in diesem Jahr durch Firmenzusammenbrüche verloren, mehr als 17 % mehr als 2001.

"Von Entspannung kann keine Rede sein", sagt Rödl. Und mit seiner Meinung steht er nicht allein. Auch der Bundesverband Deutscher Inkasso- Unternehmen (BDUI) teilt seine Einschätzung. Dessen Präsident Dieter Plambeck sieht kein Ende der Pleitewelle. "Die Zahl der Insolvenzen wird eher noch weiter ansteigen", sagte er dem Handelsblatt.

Dagegen geht der Creditreform-Konkurrent Bürgel aus Hamburg davon aus, dass sich die Zahl der Insolvenzen vorübergehend auf einem hohem Niveau einpendeln wird. "Die Spitze dürfte erreicht sein", sagt eine Sprecherin. Bürgel erwartet für 2004 wieder einen Rückgang der Insolvenzzahlen.

Die Dramatik der Entwicklung verdeutlicht ein Blick auf den finanziellen Schaden der Firmenpleiten. In diesem Jahr bleiben insolvente Unternehmen ihren Gläubigern gut 38 Mrd. Euro schuldig. Laut Creditreform wird diese Schadenssumme im kommenden Jahr weiter steigen und dann bei rund 40 Mrd. Euro liegen.

Besonders anfällig sind die Dienstleistungsbranche, der Bau sowie der Handel. Von vielen kaum bemerkt, sei die Zahl der Pleiten im Handel um rund ein Drittel in die Höhe geschnellt, sagte Rödl.

Der BDUI macht vor allem eine weiter sinkende Zahlungsmoral für den Pleitenrekord verantwortlich. "Die lahmende Konjunktur hat die ohnehin schon stark angeschlagene Liquidität vieler Betriebe weiter geschwächt", sagte BDUI-Präsident Plambeck. Dadurch sähe sich eine große Zahl von Unternehmen gezwungen, fällige Rechnungen hinauszuzögern, "und schädigen so die finanzielle Sicherheit weiterer Unternehmen".

Mitschuld trägt nach Ansicht von Creditreform freilich auch die Politik. Die von der Bundesregierung 1999 vollzogene Reform des deutschen Insolvenzrechts sei gescheitert. Als Beispiel nannte Creditreform-Geschäftsführer Rödl die Möglichkeit der "Selbstanzeige". Dabei können Unternehmen bereits frühzeitig Insolvenz beantragen und so die Chancen einer Sanierung erhöhen. "Tatsächlich ist es aber bislang nur zu 100 Fällen zu einer Selbstanzeige gekommen", berichtet Rödl. Das gelte auch für das so genannte Planverfahren. "Alle diese Instrumente eignen sich für Großunternehmen, nicht aber für kleine Firmen. Die meisten Pleiten haben wir aber bei kleinen GmbHs", zeigt die Statistik von Creditreform.

Zudem hätte die Politik nichts unternommen, um den kleinen Betrieben die Finanzierung zu erleichtern. Dies aber sei dringend geboten. Nach Berechnungen von Creditreform kommen deutsche Firmen im Schnitt auf eine Eigenkapitalquote von unter 10 %. Diese Situation wird sich durch die verschärften Kreditanforderungen der Banken (Basel II) weiter verschärfen. "Besonders kleine Firmen erhalten nur schwer oder zu teuren Konditionen Kredite", bestätigt auch Bürgel.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Frankreich. Dort liegt die Eigenkapitalquote im Durchschnitt bei 30 %. "Durch eine steuerrechtliche Änderung hat die Regierung vor einigen Jahren erreicht, dass die Unternehmen heute wesentlich besser dastehen."

Quelle: Handelsblatt

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