Wirtschaftsberaterin Carly Fiorina sorgt für Trubel
McCains Powerfrau ohne Energie

John McCain setzt jetzt auf Dramatik: Wahlkampf unterbrechen, Debatte mit Obama absagen, US-Wirtschaft retten. Damit vollzieht der Republikaner in seiner Beurteilung der Finanzkrise eine radikale Kehrtwende. Dahinter stecken kann eigentlich nur eine Frau: Carly Fiorina, McCain-Beraterin und eine der schillerndsten Gestalten der Wirtschaftswelt. Allerdings ist längst nicht mehr alles, was die ehemalige Hewlett-Packard-Chefin in letzter Zeit von sich gegeben hat, so brilliant wie ihr Ruf.

cot DÜSSELDORF. Carly Fiorina macht keinen Hehl daraus, was sie von Sarah Palin hält. Fiorina, Ex-Vorstandsvorsitzende von Hewlett-Packard, traut der ehemaligen Schönheitskönigin Palin nicht einmal zu, eine Firma zu leiten. „Nein, das tue ich nicht", sagte sie vor knapp einer Woche dem Sender NBC. "Ein Unternehmen zu führen ist nicht das gleiche wie Präsident oder Vize-Präsident der Vereinigten Staaten zu sein.“

Allerdings spricht die erfahrene Geschäftsfrau auch der Männerriege der Republikaner keine Unternehmer-Qualitäten zu. John McCain sei ebenfalls nicht in der Lage, an der Spitze eines großen Unternehmens zu stehen. Brisantes Detail: Forina ist Wirtschaftsberaterin der Republikaner. Das heißt: Die eigene Vertraute stellt ihrem Präsidentschaftskandidaten ein schlechtes Zeugnis aus.

Natürlich sorgten die Äußerungen für Trubel, die Demokraten nahmen die Vorlage dankend an. Barack Obamas Wahlkampfteam zog nach Fiorinas Rede McCains Führungsqualitäten in Zweifel. „Wenn John McCains Wirtschaftsberaterin nicht glaubt, dass er ein Unternehmen leiten kann, wie in aller Welt kann er dann die weltgrößte Wirtschaft inmitten einer Finanzkrise führen?“

Droht Fiorina nun der erneute Karriereknick? Schließlich war ihr der wahrscheinlich wichtigste Aufgabe des Wahlkampfes übertragen worden. Die Grand Old Party hatte sie, die knallharte Unternehmerin mit dem brillianten Ruf, auserkoren, dem 72-Jährigen auf einem Gebiet unterstützen, auf dem er selbst Schwächen eingeräumt hat: in allen Fragen der Wirtschaft.

Viel Erfolg hatte sie damit bislang nicht. Denn am gleichen Tag, an dem die Traditionsbank Lehman Brothers ihr Scheitern verkünden musste und die Finanzkrise in einer neuen großen Welle die Wall Street erschütterte, lobte McCain die Stärke der US-Wirtschaft. "Die Basis unserer Wirtschaft ist stark", erklärte er an dem Tag, der als "Schwarzen Montag" in die Geschichte eingehen wird.

McCain erntete Hohn und Spott – und vollzog nur wenige Tage später eine vermutlich von Fiorina verordnete radikale Kehrtwende. Nun vergleicht er die Krise mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, unterbricht gar den Wahlkampf, um die Amerikaner vor dem "Verlust ihrer Ersparnisse" zu bewahren. McCain zog seine Werbespots aus dem Fernsehen zurück, sagte Veranstaltungen mit Sponsoren ab und kehrte nach Washington zurück, um sich in die Verhandlungen über das 700 Milliarden Dollar schwere Hilfspaket für die Finanzbranche einzuschalten, gegen das er selbst noch vor wenigen Tagen opponiert hat. Konsistenz in Wirtschaftsfragen lässt sich bei McCain wahrlich nicht erkennen, spotten Kritiker.

Und wo ist Carly Fiorina? Ausgerechnet in der Krise verschwindet die 54-Jährige immer mehr von der Bildfläche. Bei einem Krisengipfel der Republikaner mit Finanzexperten in New York glänzte sie durch Abwesenheit. Auch bei Wahlkampfveranstaltungen und in Fernsehinterviews ist sie seltener zu sehen. Das letzte Mal war sie am 16. September bei einem Auftritt für die McCain-Kampagne zu sehen. Zufall oder ein Zeichen für Fiorinas langsamen Rückzug?

Fiorina-Kritiker nahmen das McCain-Debakel am "Schwarzen Montag" und Fiorinas heikle Äußerungen zu den Unternehmerfährigkeiten McCains jedenfalls zum Anlass, die Kompetenz des "economic brain" anzuzweifeln. Genüsslich legten sie den Finger in Fiorinas größte Wunde: Hewlett-Packard.

Rausschmiss bei HP

Fiorina hatte zunächst eine turbulente Karriere bei Hewlett-Packard gemacht. Anfang 1999, auf dem Höhepunkt des High-Tech-Booms, holt HP sie zur allgemeinen Überraschung als Nachfolgerin für Konzernchef Lewis Platt, der nicht ganz freiwillig seinen Posten räumte. Fiorina selbst sagt, dass sie angeheuert wurde, den Kalk aus den Gliedern des Traditionsunternehmens zu schütteln. Fiorina hatte bei HP einen Ruf als brilliante Verkäuferin, sie galt als Meisterin darin, in der Öffentlichkeit schillernde Visionen für das Unternehmen auszumalen. Es haperte aber an der Umsetzung, und Hewlett-Packard hat unter Fiorinas Führung immer wieder schlechte Zahlen vorgelegt. Umstrittener Höhepunkt ihrer Karriere bei Hewlett-Packard war die Übernahme des Wettbewerbers Compaq im Jahr 2002.

Compaq wurde aber zunächst nicht zur erhofften Verstärkung, und die Ergebnisse enttäuschten weiter. Im Februar 2005 zog das Unternehmen die Notbremse und setzte Fiorina vor die Tür. Carly Fiorina blickt auf ihre Zeit bei Hewlett-Packard bis heute mit Bitterkeit zurück und hat das Unternehmen nachträglich in ihren Memoiren im Jahr 2006 heftig attackiert. Sie beansprucht auch für sich, dass sie in ihrer Amtszeit das Fundament für den Aufschwung gelegt hat, den Hewlett-Packard unter ihrem Nachfolger Mark Hude erlebt hat.

Für allerlei Posten war sie nach dem Rausschmiss gehandelt worden – unter anderem für den als Chefin der Weltbank. Doch immer wieder lehnte sie ab. Ihre volle Aufmerksamkeit widmete sie seitdem der Politik. Als wahrscheinlicheres Szenario galt bislang, dass sie im Falle eines Wahlsiegs von McCain einen hochrangigen Posten in der Regierung bekommen würde, zum Beispiel als Wirtschaftsministerin.

Klar ist aber auch, der Druck auf McCain wird in Wirtschaftsfragen in den nächsten Wochen weiter wachsen wird. Will Fiorina im Boot bleiben, muss sie eine klare Linie bringen in die Wirtschaftspolitik McCains. Die Angriffe auf den 72-Jährigen muss sie abwehren - und dem Obama-Lager keine weiteren Vorlagen mehr liefern.

Beobachter vermuten hinter Fiorinas heikler Kritik an den Unternehmerfähigkeiten McCains ein ganz simples Motiv: Eifersucht. Wochenlang war Fiorina als Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten im Gespräch. Diesen Posten hat McCain bekanntermaßen einer anderen, in Wirtschaftsfragen nicht gerade gefeierten Frau, übertragen: Sarah Palin.

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