Wirtschaftskanzleien stehen unter Druck
Palastrevolte in USA erhitzt die deutschen Gemüter

Ausgerechnet eine Umfrage über das Betriebsklima in US-Kanzleien beschert der Großkanzlei Clifford Chance einen ganzen Rattenschwanz von Problemen. Das erste Unglück ist, dass sie bei der Befragung ihrer angestellten Anwälte unter 132 Kanzleien auf dem letzten Platz landet. Schlimm genug.

HB/toe DÜSSELDORF. Doch was dann passiert, toppt alles: Ein kleines Team aus den Reihen der Betroffenen soll den Partnern mal auflisten, was die Mitarbeiter stört - und was man dagegen tun könne. Besonders brisant wird das Ganze durch ein Versehen - genauer gesagt einen Tippfehler. Der Absender der Liste trifft den großen Verteiler statt nur den für die Chefetage. Dass die Liste dann - bei solch einem unüberschaubaren Empfängerkreis - als Palastrevolte ruckzuck in die Öffentlichkeit gelangt, ist zwangsläufig.

Der gravierendste Punkt auf dem Papier: dass die Kollegen unter der Stundenvorgabe ihrer Chefs leiden. Sie sollen allein 2 420 Arbeitsstunden im Jahr ableisten, die den Mandanten weiter berechnet werden. "Viel Freizeit bleibt dann nicht mehr übrig, denn das ist irre viel", erklärt Maximilian Schiessl von der Kanzlei Hengeler in Düsseldorf. Er vergleicht: Sonst gälten in den USA schon 2 000 abrechenbare Stunden als stolze Leistung. Denn kanzleiinterne Arbeiten oder Fortbildungen zum Beispiel kommen ja noch hinzu. Seine Kanzlei will von solchen Vorgaben nichts wissen, distanziert er sich.

In demselben Papier der amerikanischen Clifford-Anwälte findet sich aber ebenso ein origineller Vorschlag, der ihr Betriebsklima verbessern soll: ein kostenloser Schuhputzservice. Für deutsche Ohren mag das lächerlich klingen. Doch in den USA sind derlei Nebenleistungen durchaus üblich, zum Beispiel dass die Anwälte ihre Hemden auf Kosten der Sozietät reinigen lassen. Oder nach einer durchgearbeiteten Nacht ein nagelneues Hemd geschenkt bekommen. Inzwischen ist bei Clifford Chance ein Unternehmensberater beauftragt, die Situation zu retten. So weit der interne Teil.

Extern schlägt der Vorfall jedoch nicht nur in der US-Anwaltszunft hohe Wellen, sondern sogar hier. Vor allem die Mandanten ruft er auf den Plan. Auch deutsche Kanzleimanager verfassen jetzt interne Memos für die Kollegen, wie sie Attacken ihrer Klienten jetzt begegnen sollen. Sprich: Sie liefern ihnen schon mal Argumentationshilfen. Bestätigt es doch die weit verbreiteten Vorurteile der Kunden, dass angelsächsische Kanzleien Stunden schinden. In den USA gehört es zur Kultur, im Büro sitzen zu bleiben - auch wenn es nichts mehr zu arbeiten gibt, berichtet ein Jurist aus seiner Zeit in einer US-Kanzlei.

Doch der Zwang - direkt formuliert oder indirekt -, nicht effizient, sondern stundenträchtig zu arbeiten, treibt auch in Deutschland Blüten. So berichtet ein Justiziar eines Verlags, dass seine Kanzlei plötzlich ohne Auftrag immer neue Experten anderer Rechtsgebiete hinzuzog und abrechnete. "Zur Absicherung" - auch wenn sie nicht nötig waren.

Dabei haben sich hier zu Lande die Abrechnungen nach Stunden ohnehin nicht als der Weisheit letzter Schuss erwiesen. Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer (jüngster Vorzeigemandant: Ron Sommer) vergleicht: "Wenn ein guter Mann nur wenige Stunden braucht, aber ein Unerfahrener Tage, sind sie einfach ungerecht. Zumal die Stundenhonorare dazu einladen, nicht nur die Zeiten großzügig aufzurunden, sondern das Mandat künstlich aufzublähen. Er plädiert für "eine Mischkalkulation aus Stundenaufwand, Ausgang der Sache und dem Wert für den Mandanten".

Ein Jurist, der ungenannt bleiben will, bricht eine Lanze für Pauschalen: "Wo viele Nacht- und Wochenendstunden nötig sind, kann kein normaler Stundensatz gelten." Und: "Wenn eine Idee eines Anwalt dem Mandanten Millionen spart, ist nicht ein Zeithonorar, sondern ein gutes Honorar angemessen."

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