Wirtschaftskrise
Deutschlands stille Depression

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Es heißt Konsolidierung. In Zeiten anhaltend schwacher Konjunktur sieht jeder nur noch den Weg in die Konsolidierung - Unternehmen wie Haushalte, private wie öffentliche. Man begibt sich in die Wartehaltung. Haushalte warten mit größeren Ausgaben auf bessere Aussichten und sparen. Unternehmen gehen in die Defensive und streichen ihre Kosten zusammen, versuchen, auf kleiner Flamme die Durststrecke zu überleben. Banken werden wesentlich vorsichtiger bei der Kreditvergabe.

Einzelne Unternehmen brauchen von Zeit zu Zeit ihre Konsolidierungsphasen, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen. Das steht außer Frage. Einer ganzen Volkswirtschaft hingegen eine konzertierte Konsolidierung zu verordnen macht aus ökonomischer Sicht keinen Sinn. Was in Deutschland derzeit passiert, können Psychologen vielleicht besser erklären als Ökonomen. Phlegmatisch ergibt sich die Nation den unergründlichen Gesetzen der Konjunktur.

Was ist das eigentlich: "Konjunktur"? Sie ist weder ein Naturgesetz, noch kann sie staatlich verordnet werden. Viele Bürger und Politiker jedoch halten Konjunktur für etwas außerhalb unseres Einflussbereiches, etwas, was in Amerika produziert wird. Die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten von Amerika wegen des großen Binnenmarktes und des hohen Bruttosozialproduktes auch einen größeren Einfluss auf die Weltkonjunktur haben als andere, verleitet die kleinere Volkswirtschaft Deutschland dazu, sich passiv zu verhalten. Und genau diese fatalistische Haltung führt auf sicherem Weg in einen dauerhaften wirtschaftlichen Abstieg.

Wir glauben inzwischen, die Weltkonjunktur ereigne sich als Folge der Globalisierung. Langsam gewöhnt man sich an den Zustand, dass die Konjunkturbelebung eben nicht kommt. Bald glaubt man dann, ein bisschen Abstieg müsse man halt verkraften und die Folgen nur gerecht verteilen. Nach dem Motto: Es kann uns schließlich nicht ewig so gut gehen, irgendwann muss eben mal Schluss mit dem Wachstum sein. Falsch! Schluss ist erst dann, wenn man aufhört, das zu tun, was zum Erfolg geführt hat. Man kann die Errungenschaften wirtschaftlicher Entwicklung nicht erhalten, ohne die Maschinerie, die sie bewirkt hat, ständig in Bewegung zu halten. Stillstand bedeutet Rückgang. So gesehen ist die schlechte Konjunktur lediglich eine "Sich- selbst-erfüllende-Prophezeiung".

Was waren das noch für Zeiten, als der Lieblingsschlager der Deutschen hieß: "Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt." Wir wollten die Wirtschaft mit eigenem Einsatz beleben. Heute dagegen wartet man auf die Konjunktur, die einen von allen Problemen erlösen soll.

Still und unreflektiert sind wir Schritt für Schritt in eine Depression gerutscht, die eben nicht einfach mit weltwirtschaftlichen Daten zu rechtfertigen ist. Während sich die USA und unsere europäischen Nachbarn bereits auf dem Weg der Besserung befinden, können die Deutschen noch kein Licht am Ende des Tunnels erkennen. Und das Schlimme ist, dass sie sich nicht einmal einig darüber sind, in welcher Richtung der Ausgang liegt - nicht einmal innerhalb einer Partei. Wir stehen mitten im Tunnel und gehen ein paar Schritte in die eine Richtung, um uns nach hundert Metern frustriert wieder umzudrehen.

Andrew Salomon, der Berater des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, gilt als Experte für Depressionen. Sofern es nicht durch eine geschickte Politik gelänge, eine Depression im Vorfeld zu verhindern, ist Salomons Beobachtung nach der anglo-amerikanische Weg ein probates Mittel zur ihrer Überwindung. In Amerika sei die natürliche Reaktion auf eine Wirtschaftskrise, den Gürtel enger zu schnallen, härter und länger zu arbeiten und, wenn es sein muss, auch zwei Jobs zu machen. Das werde ermöglicht durch ein starkes Gefühl der Eigenverantwortung und eine ausgeprägte Arbeitsmoral.

In Deutschland aber schnallt man zwar den Gürtel enger, was lediglich eine Verringerung der Nachfrage zur Folge hat. Eine gleichzeitige Erweiterung und Intensivierung der Arbeit aber scheitert hier zu lande schon an den vollkommen unflexiblen Arbeitsmarktregelungen.

Zur Abschwächung einer konjunkturellen Delle wäre eine Orientierung am Salomonischen Rat sicherlich empfehlenswert. Zur echten Belebung der Wachstumsraten in Deutschland ist jedoch eine Intensivierung der Innovationstätigkeit noch viel wichtiger. Was uns zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt gemacht hat, ist zum einen der Forschungsgeist und sind zum anderen Risikobereitschaft und Willensstärke. Was den Forschungsgeist anbelangt, so ist der sicherlich noch nicht versiegt. Aber die Pisa-Studie und andere Anzeichen geben Grund zur Besorgnis, ob dieser auch in Zukunft noch ausreichend gefördert wird.

Schlimmer verhält es sich mit der Risikobereitschaft, die man braucht, um neue Wege zu gehen. Die war nach dem Elend und der Zerstörung des Zweiten Weltkrieges außerordentlich hoch. Für die deutsche Gesellschaft gab es nur zu gewinnen. Dieser Umstand war einer der makaberen Erfolgsfaktoren der beispiellosen wirtschaftlichen Entwicklung der jungen Bundesrepublik. Doch schon längst ist die Risikobereitschaft aus Deutschland emigriert und mit ihr die Innovationskraft, welche die Bundesrepublik so produktiv gemacht hat. Maschine kaputt?

Sicher, es gibt Produkte, die nach wie vor in der Welt gefragt sind. Volkswagen beispielsweise konnte gerade noch seine Bilanz retten, weil das aufstrebende China ihm die Kleinwagen aus den Händen reißt. Doch wie lange wird es dauern, bis die Chinesen selber bauen können, was sie heute noch beim Automeister Deutschland kaufen. Auch in Zukunft muss es wieder Produkte geben, die wir weltweit in Länder exportieren, weil sie dort zwar nachgefragt, aber noch nicht gebaut werden können. Doch wer sich auf neue Gebiete vorwagen will, braucht Mut zum Risiko. Das wird bei der ganzen Diskussion um Innovationen gern verdrängt. Ich fürchte, damit steht es in Deutschland nicht gut.

Wir haben bei aller Sorge um die Besitzstandswahrung vergessen, dass die Waren, die wir in der Vorratskammer horten, ein Verfallsdatum haben. Wir müssen uns wieder trauen, die warme Höhle zu verlassen und die Risiken einer Jagd in Kauf zu nehmen. Anders können wir keine Beute machen. Chance und Risiko sind ein unzertrennliches Paar. Wer nichts wagt, kann auch nichts gewinnen. Eine Binsenweisheit, die unsere Gesellschaft wiederentdecken muss. Von Innovationen gut zu reden ist eine Sache, sie zu machen, eine andere - nach dem Motto: Es gibt keine gute Innovation, es sei denn, man macht sie! Der neue politische Slogan darf nicht mehr länger "Keine Experimente", sondern muss "Mut zum Risiko" heißen.

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