Wirtschaftspolitik: "Schluss mit der Nabelschau"

Wirtschaftspolitik
"Schluss mit der Nabelschau"

"Chinas Aufstieg wird die Welt stärker und schneller verändern als die Industrialisierung Amerikas."

Vor fünf Jahren gründete unsere Jenoptik-Tochter M+W Zander ein kleines Büro in Schanghai, um dort um die ersten Aufträge für Reinräume zur Herstellung hoch technischer Produkte zu kämpfen. Jetzt sind die Kollegen schon zweimal umgezogen, und wir sitzen gerade in einem großen Büro im 11. Stock eines der neuen Hochhäuser von Schanghai. Der Ostasienchef trägt die China-Strategie vor. In den letzten drei Jahren stieg die Belegschaft in den Ingenieurbüros und auf den Baustellen der neuen Halbleiterfabriken von 100 auf 300. In weiteren drei Jahren werden hier 1 000 Mitarbeiter tätig sein - und das mitten in der weltweiten Halbleiterkrise.

Beim Hinflug war ich noch skeptisch, aber nachdem wir gerade von der Besichtigung unserer derzeit größten Baustelle im Industriepark Songjiang gekommen sind, steckt mich der Optimismus Asiens wieder an. Hier sieht man, warum dieses Land seit zwanzig Jahren im Schnitt sieben Prozent reales Wachstum erwirtschaftet, während sich Deutschland seit zwei Jahren mit der Frage beschäftigt, ob wir nun ein bisschen über oder doch unter der Ein-Prozent-Wachstumsrate bleiben.

In Schanghai werden gegenwärtig mehr Chipfabriken geplant und gebaut als in ganz Europa. Und nicht nur das: Gerade scheint auch ein erster Auftrag bei unserer Niederlassung in Peking einzugehen, und unsere neue Repräsentanz in Suzhou meldet ebenfalls erfolgreiche Auftragsverhandlungen. Hatten wir unseren Umsatzanteil in Asien vor fünf Jahren mittelfristig noch auf 30 Prozent geschätzt, so rechnen wir heute und in den nächsten Jahren mit mehr als 60 Prozent Umsatz in Asien.

Es tut gut, sich wieder einmal vom Zukunftsoptimismus anstecken zu lassen. Rund 50 Milliarden US-Dollar sind im letzten Jahr in dieses Land geflossen - mehr als in die USA im gleichen Zeitraum. Vor 15 Jahren waren es gerade einmal zwei Milliarden Dollar. Das wirtschaftliche Wachstum ist atemberaubend. Wenn sich die Wachstumsraten der letzten zwanzig Jahre so dynamisch fortsetzen - und nichts spricht dagegen -, haben die Chinesen in rund 15 Jahren die USA als größte Volkswirtschaft überholt. Und nicht zu vergessen: Trotz des noch geringen Pro-Kopf-Einkommens von 4 260 Dollar pro Jahr hat China mit 35 Prozent des Volkseinkommens eine der höchsten Sparquoten der Welt. Die Chinesen haben mit rund 242 Milliarden Dollar einen der größten Devisenschätze der Welt angesammelt.

Chinas Aufstieg, so meinen viele Fachleute, wird die Welt noch stärker und schneller verändern als die Industrialisierung Amerikas. Die alte Arbeitsteilung aus Forschung und Entwicklung im Westen sowie Produktion im Osten löst sich auf. Während in Europa und Japan High-Tech- Ingenieure fehlen, machen an Chinas Universitäten jährlich 100 000 Software- und Technologieexperten ihr Examen. Immer mehr Weltkonzerne forschen und entwickeln in China, auch deutsche Unternehmen wie Siemens gehören dazu. Deshalb müsste man eigentlich vermuten, dass die Nachbarn Chinas diese Entwicklung ängstlich beobachten. Unsere Gespräche in Singapur und Jakarta zeigen uns jedoch, dass die Angst vor dem großen Reich der Mitte schwindet. Grund sind die zunehmenden Exporte der Asean-Staaten nach China. 2002 wuchsen die Exporte der zehn Asean-Staaten nach China um schätzungsweise zehn Prozent, während die Exporte in die USA um zwölf Prozent und die Exporte nach Europa um 18 Prozent einbrachen. Diese Dynamik wird wachsen, nachdem Chinas Ministerpräsident Zhu Rongji sich mit den Asean-Staaten im letzten Jahr auf einen präzisen Fahrplan für die Gestaltung der größten Freihandelszone der Welt bis 2012 geeinigt hat.

Als sich am Abend in der deutschen Handelskammer in Schanghai 250 optimistisch gestimmte deutsche Unternehmensvertreter über den Transrapid informieren, Probefahrten verlost werden und der Vertreter der Allianz das Abendessen sponsert, weil sein in Deutschland leidender Konzern die chinesische Genehmigung für neue Versicherungsbereiche bekommen hat, schüttle ich endgültig den mitgebrachten Pessimismus ab.

Ich glaube, dass bei dem chinesischen Wachstumstempo die deutsche Frage, ob der Kündigungsschutz bei fünf, sechs oder gar erst 20 Mitarbeitern in einem Unternehmen greifen soll, die Zukunft unseres Sozialstaats nicht wirklich entscheidet. Es ist Zeit, dass Deutschland seine Nabelschau beendet und sich mit zügigen Reformen wieder um neue wirtschaftliche Dynamik kümmert. Die deutschen Unternehmen haben einen Ausweg. Viele, vor allem die Großen, haben im letzten Jahr mit ihren Investitionen mehr Arbeitsplätze in China als in Deutschland geschaffen. Die kleinen Unternehmen und vor allem die Arbeit suchenden Menschen haben diesen Ausweg nicht.

Und gerade jetzt, da ich in Jakarta diesen Text an das Handelsblatt sende, lese ich in der Zeitung einen Ausspruch des gerade in China zum Staatsbesuch weilenden kubanischen Maximo-Leader Fidel Castro: "Wie Ihr Kommunisten Euch verändert habt!". In der Tat, manche sehen bei dieser Entwicklung alt aus - nicht nur die alten Kommunisten.

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