Wirtschaftsprogramm sieht Abspaltung des Gasnetzes vor
Russland will Gazprom zerschlagen

Überraschend hat die Regierung in Moskau Pläne präsentiert, Gazprom in einen oder mehrere Förderkonzerne und eine Netzgesellschaft aufzuteilen. Doch Alexej Miller, Chef des weltgrößten Gaskonzerns, will an der bisherigen Struktur festhalten.

MOSKAU. Das von Russlands Premierminister Michail Kasjanow jüngst abgesegnete Wirtschaftsentwicklungsprogramm für die Jahre 2002 bis 2004 birgt Zündstoff in sich: Beiläufig kündigt die Regierung die Aufspaltung des weltgrößten Gaskonzerns Gazprom an. Sie plant, das Unternehmen in einen oder mehrere Förderkonzere und eine Netzgesellschaft zu trennen. Bis Ende 2004 soll das 149 000 Kilometer lange Gasleitungsnetz finanziell und organisatorisch ausgegliedert werden. Russland hält an dem Konzern 38,4 % und stellt im Aufsichtsrat die Mehrheit. Bei Gazprom hatte offenbar niemand einen solchen Plan erwartet. Der Konzern wollte sich gestern auf Anfrage nicht äußern. Auch die Essener Ruhrgas AG, die 5 % der Anteile hält, lehnte zunächst eine Stellungnahme ab. Steven Dashewsky, Gas-Analyst bei der Moskauer Investmentfirma Aton ist von der Umsetzung des Vorhabens überzeugt: "Das ist ein realer Plan, der sich jetzt in der letzten Phase der Ausarbeitung befindet."

Mit dem Plan stellt sich die Regierung gegen den von Präsident Wladimir Putin erst Ende Mai als neuen Gazprom-Chef eingesetzten Alexej Miller. Der hatte jüngst auf der Hauptversammlung vor seinen Aktionären die Erhaltung der bisherigen integrierten Konzernstruktur verlangt. Der Zerlegungs-Plan kommt umso überraschender, weil Miller nach Putins Willen den maroden Gasgiganten von den Sünden der Vergangenheit bereinigen sollte: So will er die Ausgliederung lukrativer Gazprom-Geschäfte rückgängig machen, keineswegs will er aber das Leitungssystem ausgliedern.

Freiere Preisgestaltung

Russlands Regierung will mit der Abspaltung des Gasnetzes offenbar die seit Jahren fallende Gasförderung stimulieren. So sollen mehrere Gasanbieter - vor allem die heute schon Erdgas als Nebenprodukt fördernden russischen Ölkonzerne - Zugang zum Transportnetz bekommen. Zudem soll eine freiere Preisgestaltung des bisher staatlich festgelegten Gastarifs erfolgen. Damit, so heißt es in dem Regierungsprogramm, soll "der Zufluss von Kapital stimuliert und die Reinvestition von Gewinnen in die Förderung, den Transport sowie die Verteilung von Gas erhöht werden". Bislang ist Gazprom Leitungs-Monopolist, aber auch Quasi-Monopolist bei der Gasgewinnung. Eine Zerschlagung Gazproms wäre nicht zu vergleichen mit der in Europa gewollten Gasmarktliberalisierung.

Vollkommen unklar ist, wie die bisherigen Gazprom-Aktionäre an den entstehenden mindestens zwei Gesellschaften beteiligt werden. Im Ölsektor wurde der Markt in weitgehend privatisierte Ölkonzerne und das staatliche Pipeline-Monopol Transneft geteilt. "Für Aktionäre sind solche Reorganisationen negativ, der Gazprom-Kurs dürfte runter gehen", sagte Analyst Dashewsky.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%