Wirtschaftsprüfer bangt um seine Existenz
Prozess gegen Andersen beginnt mit Finessen

Wie in einem Gerichtsdrama aus Hollywood hat in Houston der Prozess gegen den Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen LLP begonnen.

HOUSTON. "Sehen Sie sich diesen Mann an", fragte Andersen-Verteidiger Rusty Hardin die verdutzen Geschworenen, "glauben Sie, Sie können ihm einen fairen Prozess geben?"

Mit texanischem Akzent präsentierte Hardin dem Gerichtssaal Gene Frauenheim, einen Mitarbeiter aus dem Houstoner Andersen-Büro. Der seriös wirkende ältere Herr im grauen Anzug und mit rot gepunkteter Krawatte soll zum Symbol werden, zum Sinnbild für die menschliche Seite des Traditionsunternehmens, das in Houston auf der Anklagebank sitzt.

Bereits bei der Auswahl der 16-köpfigen Jury versuchten Anklage und Verteidigung zu punkten. Zugleich offenbarten beide Seiten ihre Strategie in dem Strafprozess, der das Schicksal von Arthur Andersen besiegeln könnte. Dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen wird vorgeworfen, zahlreiche Unterlagen über den Pleite gegangenen Energiekonzern Enron vernichtet und so die Ermittlungen der Justiz behindert zu haben. Während die Verteidigung von einem Fehlverhalten einiger weniger spricht, glaubt das Justizministerium in Washington an eine konspirative Vertuschung im Konzern. 50 Zeugen sollen diese These stützen. Der Wichtigste ist David Duncan, Ex-Partner von Andersen und jetzt Kronzeuge der Anklage. Seine Aussage wird in den nächsten Tagen erwartet.

Sollte Andersen schuldig gesprochen werden, wäre es das Ende des Unternehmens - oder was davon noch übrig ist. Zahlreiche Mitarbeiter und mehr als 300 Kunden haben dem Wirtschaftsprüfer seit der Anklageerhebung den Rücken gekehrt. Die gerade erreichte Einigung mit den Zivilklägern im Bilanzskandal einer Baptisten-Stiftung in Arizona hat Andersen nicht nur 217 Mill. $ gekostet, sondern den Konzern weiter in Verruf gebracht.

Trotz der für sie günstigen Stimmung bleibt der erste Auftritt der Ankläger zurückhaltend. Anwalt Matt Friedrich befragt die Kandidaten für die Jury im freundlichen, aber nüchternen Ton: "Sind Sie selbst in Ihrer Firma schon einmal gebeten worden, Dokumente zu vernichten, damit sie nicht der Polizei in die Hände fallen?" Im Saal wird es still. Friedrich erhält zwar viel Aufmerksamkeit und ein Nein auf seine Frage, doch die Verteidigung kontert sofort.

"Wie viele von Ihnen arbeiten für Firmen, bei denen regelmäßig Unterlagen gelöscht werden?" feuert Rusty Hardin zurück und bekommt per Handzeichen Bestätigung von einem Viertel der Befragten. "Und machen Sie sich damit etwa alle automatisch strafbar?" Sieben Frauen und neun Männer werden am Ende ausgewählt, um das Urteil über Andersen zu sprechen. Um die Jury zu überzeugen, greifen beide Anwälte tief in die Trickkiste ihres Berufsstandes.

Der Showdown im Texas-Stil gerät zu einem inneramerikanischen Duell. Die Justizbehörden in Washington haben in letzter Minute den auch in Texas bekannten Ankläger Friedrich eingeflogen, um dem texanischen Chefverteidiger Hardin Paroli bieten zu können. "Wir in Texas wehren uns gegen die Vorwürfe der Washingtoner Regierung", sagt er. Diesen populären Ansatz hat sich Richterin Melinda Harmon zwar ausdrücklich verbeten. Die Taktik der beiden Kontrahenten aus dem Gerichtssaal spricht jedoch eine andere Sprache.

Quelle: Handelsblatt

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