Wirtschaftsprüfer otimistisch nach der Fusion
Ernst & Young visiert Spitzenposition an

Die Wirtschaftsprüfungsfirma Ernst & Young gibt sich nach der Übernahme der Prüfer und Steuerberater des zerfallenen Konkurrenten Andersen in Deutschland nicht mit dem Rang drei in der Branche zufrieden.

Reuters STUTTGART. Ziel sei, in einigen Jahren in Deutschland die Nummer eins zu werden und damit Price-Waterhouse-Coopers (PwC) und die KPMG zu überholen, sagte Vorstandschef Herbert Müller am Dienstag in Stuttgart. Auf einen Zeitpunkt dafür wollte er sich nicht festlegen. Für das Geschäftsjahr 2002/03 (zum 30. Juni) habe sich Ernst & Young auf langsameres Wachstum eingestellt: "Zweistellige Wachstumsraten sind völlig ausgeschlossen", betonte Müller. Kunden seien in der Konjunkturkrise zurückhaltender mit Beratungsaufträgen.

Die Partner von Andersen Deutschland hatten sich im Sommer überraschend für einen Anschluss an Ernst & Young entschieden, nachdem das weltweite Andersen-Netz im Zuge des Enron-Konkurses auseinander gefallen war. In 56 von 84 Ländern schloss sich Andersen nun Ernst & Young an. Müller und sein von Andersen gekommener Stellvertreter Christoph Groß zogen eine positive Bilanz des Zusammenschlusses. "Wir werden als dritte Macht im Markt gesehen. Manchmal hat man den Eindruck, man hätte nur auf uns gewartet", sagte Groß. Von den 250 Andersen-Partnern seien in der Krise nur 15 abgewandert. Die Zahl von 7275 Mitarbeitern soll 2002/03 leicht steigen.

Die erhofften Prüf-Aufträge für die Abschlüsse der größeren börsennotierten Gesellschaften in Deutschland lassen allerdings noch auf sich warten. Das werde ein Thema für 2003 und 2004, hieß es. Die Stuttgarter Ernst & Young ist bisher vor allem auf den Mittelstand spezialisiert.

Zusammen setzten Ernst & Young und Andersen hier zu Lande im abgelaufenen Geschäftsjahr 2001/02 nach Angaben von Groß 923 Millionen Euro um. Während Ernst & Young 15 Prozent auf 504 Millionen Euro zulegte, sei das Wachstum von Andersen durch den Enron-Skandal in den USA auf fünf Prozent gebremst worden. Damit liege Ernst & Young nur knapp hinter KPMG, die ohne die inzwischen ausgegliederte Unternehmensberatung auf 947 Millionen Euro Umsatz gekommen sei. PwC wies in Deutschland 1,03 Milliarden Euro Umsatz aus. Die für die Tantiemen der Partner relevanten Betriebsergebnisse hätten sich analog zum Umsatz verbessert, sagte Groß. 2002/03 solle der Gewinn erneut leicht steigen.

Scharf wandte sich der Ernst & Young-Chef gegen eine strikte Trennung von Wirtschaftsprüfung und Beratungsleistungen nach dem Vorbild der USA. Diese würde zu einer Zerschlagung aller Wirtschaftsprüfungsgesellschaften führen und gefährde Stellen in der Branche. "Wir warnen davor, zu weit zu gehen." Bereits jetzt seien Prüfungs- und Beratungsaufträge beim gleichen Kunden, die zu Interessenkollisionen führen könnten, verboten.

Bei Betrugsfällen sollten sich die Wirtschaftsprüfer künftig besser verteidigen können, forderte Müller. Bisher seien ihnen durch die Verschwiegenheitspflicht etwa im Comroad-Skandal - die einst am Neuen Markt gelistete Firma hatte erfundene Umsätze ausgewiesen - die Hände gebunden. Die "Bilanzpolizei", wie sie Finanzminister Hans Eichel (SPD) gefordert hatte, lehnen Müller und Groß ab. Auch eine vergleichbare, riesige Behörde wie die SEC in den USA habe keinen der Bilanzskandale verhindern können.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%