Wirtschaftssonderzone mit weitreichenden Freiheiten geplant
Chinesischer Tycoon soll Enklave des Kapitalismus in Nordkorea schaffen

Ein chinesischer Geschäftsmann mit niederländischem Pass soll im kommunistischen Nordkorea eine Oase des Kapitalismus schaffen. Die Ernennung des Agrar-Tycoons Yang Bin zum Verwalter einer neu gegründeten Sonderwirtschaftszone ist das jüngste Anzeichen dafür, dass das isolierte Land mit Reformen nach chinesischem Vorbild experimentiert und sich Ausländern vorsichtig öffnet.

olm/wsj HONGKONG. Yang, laut Forbes Chinas zweitreichster Mann, soll die Sonderverwaltungszone Sinuiju an der Grenze zur nordchinesischen Provinz Liaoning zur Marktwirtschaft umgestalten und dem Welthandel öffnen. Dazu erhält er weit reichende Vollmachten: Das 132 Quadratkilometer große Territorium soll eine unabhängige Rechtsordnung, niedrige Steuersätze und ein kapitalistisches Wirtschaftssystem erhalten. Die Regierung in Pjöngjang werde keinen politischen Einfluss auf Sinuiju nehmen, versichert Yang. Als Währung übernimmt die Freihandelszone den Dollar, Ausländer bekommen visafreien Zugang.

Der Rest des Landes bleibt allerdings hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt: Die Wirtschaftszone wird durch eine Mauer von Nordkorea abgetrennt. Die derzeit 500 000 Einwohner sollen ins Landesinnere umgesiedelt werden; im Gegenzug will Yang 200 000 gut ausgebildete Nordkoreaner ansiedeln. "Sinujiu wird eine völlig kapitalistische Region," verspricht Yang, "wir wollen die besten Gesetze und die besten Arbeitskräfte."

Als obersten Richter will der Geschäftsmann einen Europäer anheuern, in der künftigen Legislative des weitgehend autonomen Gebiets sollen Ausländer in der Mehrheit sein. Damit gehen Pjöngjangs Pläne über die Sonderwirtschaftszonen hinaus, in denen China in den 80-er Jahren erste Experimente mit der Marktwirtschaft wagte. Diese Keimstätten des Kapitalismus hat Nordkoreas Staats- und Parteichef Kim jong-il bei zwei Besuchen im Nachbarland persönlich studiert.

Südkoreas Präsident Kim Dae-jung begrüßte die Pläne für Sinuiju als Teil der "großen Veränderungen auf der koreanischen Halbinsel," der jüngsten Zeit. Der Süden werde dem Norden "aktiv helfen, seine Wirtschaft zu reformieren und sich der Welt zu öffnen," kündigt Kim an.Frühere Hoffnungen, Nordkorea werde einen Reformprozess in Gang bringen, hatten sich bis jetzt immer in Luft aufgelöst. Bereits Mitte der 90-er Jahre hatte die Regierung versucht, Auslandsinvestitionen in die Sonderwirtschaftszone Rajin-Sonbong an der russisch-chinesischen Grenze zu locken - ohne Erfolg. Die harte Hand der Bürokratie in Pjöngjang verschreckte Investoren.

Die Sinuiju versprochene Autonomie ist ein weiteres Zeichen dafür, dass das von Hungersnöten geschüttelte Land neue Wege aus der Krise sucht. Im Juli gab die Regierung das Rationierungssystem für Nahrungsmittel auf und hob Preise und Löhne drastisch an. Diesen Monat begann das Regime, die Eisenbahnverbindung mit Südkorea wieder herzustellen. Ein Gipfeltreffen zwischen Staatschef Kim Jong Il und Japans Regierungschef Junichiro Koizumi vor einer Woche könnte zur Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen und milliardenschwerer Wirtschaftshilfe aus Japan führen. Koizumi riet US-Präsident George W. Bush, "den Weg zum Dialog" mit Nordkorea zu öffnen, das Bush als Teil einer "Achse des Bösen" bezeichnet, die außerdem den Irak und Iran beinhaltet. Das US-Außenministerium plant offenbar, in den kommenden Monaten einen Abgesandten nach Pjöngjang zu schicken.

Doch ob die Supermacht ihre Haltung gegenüber Nordkorea ändert, ist unklar. Mit den Plänen für Sinujiu ist Nordkorea eine Überraschung gelungen. Über die Erfolgsaussichten der Zone gehen die Meinungen aber auseinander. Neben Rechtsunsicherheit für Auslandsinvestoren dürfte der katastrophale Zustand der Infrastruktur eine große Hürde darstellen. "Es ist mehr eine symbolische Geste," meint Volkswirt Mike Moran von der Standard Chartered Bank. Für ihn ist das Investitionsrisiko in Sinujiu mit jenem im Irak vergleichbar. "Aber in zehn Jahren könnte sich diese Entscheidung als Wendepunkt für Nordkorea erweisen," fügt er hinzu. Auf jeden Fall bekommt die Region mit Yang Bin einen schillernden und dynamischen Statthalter.

Forbes schätzt das Vermögen des 39-Jährigen auf 900 Mill. $. Erworben hat er es mit seinem Agrar-Unternehmen Euro-Asia, das in der an Nordkorea angrenzenden Provinz Liaoning Orchideen züchtet. Daneben entwickelt Yang Immobilien. In China läuft gegen Yang Bin jedoch eine Untersuchung wegen Steuerhinterziehung.

Als vor wenigen Wochen das Gerücht aufkam, er habe sich nach Nordkorea abgesetzt, stürzte die Euro-Asia-Aktie in den Keller. Der Geschäftsmann beteuert seine Unschuld. Doch leidet der Börsenwert seines Unternehmens auch unter Dauer-Spekulationen über Bilanzmanipulationen.Vergangene Woche suspendierte die Hongkonger Börsenaufsicht den Wert vom Handel. Begründung: Yang habe kurssensible Informationen nicht publik gemacht. Nach Wiederaufnahme des Handels verlor die Aktie umgehend 40 %.

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