Wirtschaftswissenschaftler halten Steuersenkungen in der Euro-Zone für verfrüht
Verhaltener Optimismus trotz schlechter Konjunkturdaten

Die Ursachen des stärker als erwartet ausfallenden US-Abschwungs und die Folgen für Europa beschäftigen derzeit die internationalen Ökonomen. Die Hoffnung, dass die Euro-Zone sich dem Abwärtssog entziehen könnte, wird skeptisch beurteilt. Doch die Konjunkturdelle in Amerika könnte durchaus rasch überwunden werden.

MÜNCHEN. Nach den unerwartet schlechten Konjunkturnachrichten der vergangenen Wochen könnte man Ökonomen verzeihen, wenn sie für Hoffnungsschimmer nicht nur auf ihre Charts, sondern auch zum Himmel schauen. Bei einer internationalen Wirtschaftskonferenz des Ifo-Instituts Ende vergangener Woche in der Katholischen Akademie von Bayern, wo religiöse mit ökonomischen Schriften um die Gunst der Anwesenden wetteiferten, nahmen viele Teilnehmer eine Portion Optimismus mit auf den Heimweg. Und dies trotz verstärkter Anzeichen, dass die Welle entmutigender Konjunkturdaten vorerst noch nicht zu Ende ist.

Bereits im Vorfeld der Konferenz waren die Ökonomen von dem nach unten revidierten US-Wachstum im vergangenen Jahr und dem auf ein Rekordtief abgesackten US-Verbrauchervertrauen überrascht worden. Das unerwartet rasche Tempo des US-Abschwungs hatte kaum ein Prognostiker vorhergesehen.

"Der Zug der New Economy ist für Europa abgefahren"

Dreh- und Angelpunkt der Konjunkturdebatte war die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der US-Wirtschaft. Die Investitionsschwäche, die im vergangenen Jahr nach dem Rückgang des Marktwerts vieler Unternehmen eingesetzt hatte, ist nach einhelliger Meinung noch nicht ausgestanden.

Skeptisch beurteilten die Wissenschaftler auch die Aussichten im Euro-Raum, von den Auswirkungen des US-Abschwungs weitgehend verschont zu bleiben. Willi Leibfritz, Leiter der Konjunkturabteilung am Ifo-Institut, befürchtete, dass der US-Abschwung das Wachstum in der Euro- Zone stärker als bislang erwartet drosseln könnte. Vor allem die Anlageinvestitionen der Unternehmen und die Exporte könnten im laufenden Jahr kräftig nachlassen. Angesichts der neuen Wachstumszahlen für Deutschland schließt er eine weitere Revision seiner Prognose für 2001 nach unten nicht aus. Die OECD will im Mai neue Prognosen vorlegen.

Die glänzenden Zahlen zur Entwicklung der Arbeitsproduktivität in der US-Wirtschaft, die Barry Bosworth, US-Ökonom an der renommierten Brookings Institution in Washington vorlegte, stimulierten die Debatte, wann, oder ob überhaupt auch der Euro-Raum das lang erwartete Produktivitätswunder erleben werde. Wie Hans- Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts feststellte, sind in Europa noch keine Auswirkungen der New Economy festzustellen.

Und US-Ökonom Bosworth dämpfte gleich die Hoffnung auf eine Produktivitätszunahme in Europa. Die hierzulande geltenden Spielregeln der Wirtschaft förderten kein ähnlich hohes Produktivitätswachstum bei geringem Preisdruck wie in den USA. Die noch immer überregulierten Arbeitsmärkte und die geringe Arbeitsmobilität wirkten hemmend. "Der Zug der New Economy ist für Europa abgefahren."

Schlechte Noten erteilten die Wissenschaftler der Finanzpolitik. Einige Euro-Länder seien nicht mehr ernsthaft an der Defizitreduzierung interessiert. Der dänische Ökonom Niels Thygesen hielt die Steuersenkungen angesichts der beinahe geschlossenen Produktionslücke für verfrüht. Damit werde die Arbeit der Europäischen Zentralbank (EZB) erschwert. Der Pariser Wirtschaftsprofessor Christian de Boissieu resümmierte: "Unser policy-mix schafft ein Gefangenendilemma", denn eine aufeinander abgestimmte Geld- und Finanzpolitik erhöhe die Wachstumschancen.

Zu diesen eingetrübten Perspektiven platzte am Ende der Konferenz eine weitere schlechte Nachricht. Das Industrievertrauen in der Euro-Zone war im Februar erneut gesunken. Wie Gernot Nerb, Leiter der Umfrage-Abteilung am Ifo-Institut, zeigte, hat sich das Klima seit Herbst vor allem in der Konsumgüterindustrie verschlechtert.

Inflationsaussichten in der Euro-Zone günstig

Doch der anfängliche Pessimismus wurde im Laufe der Debatte durch verhaltenen Optimismus ergänzt. Positiv hoben die Ökonomen hervor, dass die letzten US-Konjunkturdaten von vorübergehenden Faktoren wie den hohen Energiepreisen und den US-Wahlen beeinflusst worden seien. Die weiter wachsende Arbeitsproduktivität und der rasche Lagerabbau zeigten die Anpassungsdynamik der Wirtschaft.

Als Hoffnungsträger am Konjunkturhimmel der Euro-Zone sehen die Ökonomen vor allem die verhaltene Inflationsentwicklung. Die Teilnehmer waren sich einig, dass von der Lohnentwicklung trotz des Beschäftigungsaufbaus kein Inflationsrisiko ausgehe. Dennoch wachsen einige Euro-Länder bereits über ihrem geschätzten Potenzial. Damit könne hierzulande ein ähnlich inflationsfreies Produktivitätswachstum wie in den USA stattfinden, wenn regulierungsbedingte Hindernisse abgebaut würden, so de Boissieu.

Dies belegten die Wissenschaftler eindrücklich mit Charts, welche die geringen Inflationsrisiken auf beiden Seiten des Atlantiks gleich für die nächsten zehn Jahre belegten. Die zuletzt vorherrschende Zuversicht der Konferenzteilnehmer war also offensichtlich nicht nur durch den Tagungsort inspiriert worden.

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