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Wissen ist Macht - zumindest theoretisch

Als Theorie klingt es ideal: Alle Mitarbeiter teilen ihr Wissen und bringen so das Unternehmen gemeinsam voran. Doch das viel diskutierte Wissensmanagement ist oft nur ein Management-Traum, der an der Organisation und dem Egoismus der Mitarbeiter scheitert.

Eine Notsituation: Das Papier wurde nicht so weiß, wie es sein sollte. Rat wusste in der Papierfabrik keiner. Der Leiter der Produktion suchte schließlich Hilfe von außen: "Rettet unsere Fertigung! Wie können wir statt grauem weißes Papier aus unseren Maschinen bekommen?" Diese Frage ging an den Spezialchemie-Hersteller Buckman in Memphis - und innerhalb von 48 Stunden war das entscheidende Wissen da: Ein besonderes Bakterium wurde in den Produktionsprozess eingespeist, und die Maschinen von Buckmans Kunden machten fortan wieder, was sie sollten: weißes Papier.

Das ist Wissensmanagement, wie es sein sollte: Buckman-Außendienstler stellten den Hilferuf ins Intranet. In der Diskussionsgruppe im firmeneigenen Netz war die Lösung rasch gefunden, denn auf der anderen Seite des Globus hatte jemand das Grau-Weiß-Problem schon einmal gelöst: Mitarbeiter in Finnland und Belgien stellten ihre Idee ins Intranet - und der Papierfabrik war geholfen. "Früher hätte dieser Job Wochen gedauert, wenn er überhaupt gemacht worden wäre", sagt Firmenchef Robert Buckman.

Welches Unternehmen will nicht gern seine Wissensschätze so erfolgreich heben wie Buckman? Im Info-Zeitalter ist es entscheidend zu erfahren, wer was weiß. "Wissensmanagement ist in", sagt Franz Liebl, Professor von der Universität Witten/Herdecke: Wertschöpfung durch Wissen wird wichtiger. Der Management-Denker Peter Drucker hat den Angestellten von heute bereits in "Wissensarbeiter" umgetauft.

Untersuchungen bestätigen den hohen Rang des Themas Wissen: 97 Prozent der Geschäftsführer kreuzten an, es sei "wichtig" oder "sehr wichtig", Wissen richtig zu managen, als das Institut der deutschen Wirtschaft 200 Unternehmer befragte. Eine Studie, die Franz Liebl für Market Lab, eine Unternehmensberatung in Berlin, durchführte, kommt zu ähnlichem Ergebnis: 98 Prozent von 500 der größten deutschen Unternehmen haben die Bedeutung von Umfeld-Analysen erkannt.

Das Thema Wissen fasziniert. Mit dem Slogan "Wenn Siemens wüsste, was es weiß" wird heute auf jedem Management-Kongress beschrieben, was Wissensmanagement leisten könnte: verborgenes Wissen zutage fördern und in Geschäft umsetzen. Eine der gängigen Empfehlungen lautet: Unternehmen sollen systematisch Informationen beschaffen, archivieren, aufbereiten, aktualisieren und den Mitarbeitern zur Verfügung stellen. "Strategieabteilungen und abteilungsübergreifende Projektteams machen aus Umfeld-Informationen strategisches Wissen", so der Rat der Market Lab-Studie. Wissen allerorten: Durch mündliche, schriftliche und elektronische Verbreitung soll auch der letzte Mitarbeiter am großen Wissenspool teilhaben.

Soweit die Theorie. In der Praxis sehen Projekte mit der viel versprechenden Überschrift bescheidener aus. Beispiel: IBK Wiesehahn, Bottrop. Das 40-Mitarbeiter-Unternehmen, ein Handel für technische Produkte in Dresden, arbeitete unter dem Patronat des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Köln, ein Jahr am Projekt "Wissensmanagement" - und erzielte diese Ergebnisse: Die Kunden-Datenblätter wurden verbessert; es wurde ein Fragebogen entwickelt, mit dem man Kundenzufriedenheit messen kann; es gibt eine aktualisierte Selbstdarstellung des Unternehmens; und die Führungskräfte treffen sich jetzt regelmäßig zum Gespräch über Abteilungsgrenzen hinweg. "Die Aktion war ein voller Erfolg", sagt Christiane Flüter-Hoffmann, die das Projekt mit dem Namen "IW-Klug" verantwortet.

Aber: So positiv die Ergebnisse auch sein mögen, sie zeigen das Dilemma. Das, was IBK Wiesehahn getan hat, passt auch unter jede andere Überschrift, etwa Marketing, Kommunikation oder Unternehmenskultur. Wirklich neue Erkenntnisse hat der Denkansatz "Wissen muss gemanagt werden" nicht gebracht.

Was fehlt, sind die bahnbrechend neuen Ideen für die Praxis. Deshalb sagen so viele Unternehmen "Ja" zum Wissensmanagement - und tun gar nichts. "Strategisches Wissensmanagement ist für zwei Drittel der Unternehmen nur ein Lippenbekenntnis", wertet Professor Liebl von der Uni Witten/Herdecke. Seine Aussage stützt er auf weitere Ergebnisse der Market Lab-Studie: Nur 20 Prozent der befragten Unternehmen beschaffen systematisch Zukunftsinformationen. Nur jeder Vierte der Befragten kommuniziert umfassend neue Forschungsergebnisse im Unternehmen, und nur ein Drittel der Unternehmen nutzt das Wissen für strategische Entscheidungen.

Die Idee vom allwissenden Unternehmen ist nicht viel mehr als ein Management-Traum. Denn das Ideal des Wissensmanagements zu verwirklichen, scheint unerreichbar. Beispiel: Immer wieder wird empfohlen, Mitarbeiter sollten ihr Wissen in Datenbänke eingeben und ihre Erkenntnisse digital verschlagworten. Das firmeneigene Wissensportal solle so zu einem Juwel für info-basierte Wertschöpfung aufgerüstet werden. Doch Manager sind damit überfordert. In schlanken Organisationen haben sie schlicht keine Zeit, neben all ihren anderen Aufgaben auch noch jeden Tag eine Stunde Datenpflege zu betreiben.

"Verschlankte Abteilungen können das nicht. Wenn sie zu 120 Prozent ausgelastet sind, fehlen den Mitarbeitern ganz einfach die nötigen Freiräume", sagt Erich Staudt, Professor an der Universität Bochum und Leiter des Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI). Die Erfahrung hat gezeigt: Mitarbeiter tun alles lieber, als Datenfriedhöfe zu pflegen, deren Nutzwert nur schwer erkennbar ist.

Da ist auch Technisierung kaum ein brauchbares Rezept. Schuld daran ist nicht zuletzt die IT-Industrie: "Steinalte Expertensysteme werden als Wissensmanagement verkauft", kritisiert Franz Liebl. Software-Anbieter sind auf das Trendthema aufgesprungen. Aber die Hoffnung, Technologie werde die Macken des Info-Managements heilen, erweist sich meist als Irrglaube. Unternehmen leiern IT-Projekte an - und fallen auf die Nase: "Da werden überdimensionale Wissensmanagementsysteme entwickelt, die später weder aktuell gehalten noch genutzt werden können", sagt IW-Klug-Verantwortliche Flüter-Hoffmann. "Oft wird vergessen, dass der Mensch das Wissen produziert und verarbeitet."

Die Denkweise vieler Mitarbeiter passt eben nicht zum propagierten Ideal: Wissen wird lieber gehortet als preisgegeben. Beispiel Vertrieb: "Die Verkaufskanone hat gar keinen Anreiz, ihr überlegenes Wissen preiszugeben. Das käme einer Selbstdemontage gleich", meinte ein Teilnehmer einer Konferenz des IW in Köln.

Wissen ist Macht, geteiltes Wissen untergräbt Macht. Der moderne Angestellte begreift sich als Ich AG. Ziel: Maximiere deinen persönlichen Karriere-Nutzen, und sieh zu, dass du besser dastehst als deine Kollegen. Wissen der unternehmensinternen Öffentlichkeit preisgeben passt nicht in diese Denkweise. Vorstandsetagen machen es vor: "Entscheidendes Strategiewissen bleibt oft im engsten Führungskreis", beschreibt Professor Liebl.

Selbst die so vorbildlich scheinende Erfahrung bei Buckman zeigt: Im Alltag ist Wissensmanagement eine Sisyphusaufgabe. Über Jahre experimentierte das Chemieunternehmen - ohne Erfolg. Nur weil der Inhaber geduldig und hartnäckig war, gab es schließlich brauchbare Resultate. Der Weg zum lauffähigen Wissensmanagement-System war weit: 15 Jahre dauerte es, bis Buckman etwas erreicht hatte.

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