Wissenschaftler: Investoren bevorzugen nationale Transaktionen
Europas Bankfusionen schaffen Mehrwert

Allein am Tag der Bekanntgabe mehrten Bankfusionen in Europa das Aktionärsvermögen um 6,5 Mrd. $. Das ergibt eine Studie aller Übernahmen und Fusionen europäischer Banken zwischen 1985 und 2000. Investoren mögen nationale Transaktionen, grenzüberschreitende Fusionen sehen sie dagegen sehr kritisch.

tmo FRANKFURT. Die Aktionäre jubeln, wenn Sandy Weill, der kauflustige Chef des weltgrößten Finanzkonzerns Citigroup, mal wieder zuschnappt. Denn der gewiefte Übernahmehai hat bei zahlreichen Firmenkäufen fast immer Wert für die Anteilseigner geschaffen.

Beim durchschnittlichen US- Bankmanager ist das anders: "Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Aktienkurse von US-Banken in der Regel leicht nachgeben, sobald sie eine Übernahme wagen", sagt Bankprofessor Mark Wahrenburg von der Universität Frankfurt. Nur bei erfahrenen Fusionsprofis wie Weill reagieren die US-Aktienmärkte nicht mit einem Kursabschlag.

Da haben es die Aktionäre europäischer Großbanken besser: Sie erleiden kaum Verluste, wenn ihr Institut eine Übernahme ankündigt. Andererseits profitieren die Aktionäre der gekauften Institute von dem Kursaufschlag, den Bieter meist zahlen. Insgesamt gilt: "Europäische Banken schaffen bei Fusionen und Übernahmen klar Mehrwert für die Aktionäre", sagt Professor Dirk Schiereck von der Universität Witten-Herdecke. Das ergaben mehrere Studien, die Schiereck, Wahrenburg und Patrick Beitel von der Universität Witten erstellten. Ihre Arbeit wurde kürzlich mit dem renommierten "Best Paper Award" der US-amerikanischen Midwest Finance Association ausgezeichnet.

Die drei Wissenschaftler untersuchten alle 98 Bankfusionen zwischen 1985 und 2000, an denen europäische Bieter beteiligt waren. Allein am ersten Tag der Fusionankündigung verbuchten die Aktionäre bei den europäischen Transaktionen einen Gesamtgewinn von 6,5 Mrd. $. "Offenbar bewerten die Börsen Fusionen europäischer Bieter nicht so skeptisch wie bei amerikanischen Banken", so Wahrenburg. In einem anderen Punkt bestätigte die Europastudie frühere US-Untersuchungen: "Die Märkte folgen bei Bankenfusionen klaren, einfachen Regeln", so Wahrenburg, "sie honorieren fokussierte Fusionen und sie mögen keine Diversifikation".

Hohe Kursgewinne treten auf, wenn Institute mit ähnlichen Schwerpunkten zusammengehen. Beispiel Hypo-Vereinsbank: "Als die Hypo-Bank und die Vereinsbank zusammen gingen, konnte jeder das Sparpotenzial im Filialnetz sehen. Das honorieren Investoren", sagt Schiereck.

Pan-europäische Zusammenschlüsse sind Mangelware

Weniger euphorisch reagieren sie indes bei grenzüberschreitenden Fusionen. Womöglich liegt es daran, dass pan-europäische Zusammenschlüsse bislang Mangelware sind. So scheiterte die Commerzbank mit dem Versuch, sich mit dem italienischen Unicredito zu verbandeln. Auch die Gerüchten zufolge laufenden Gespräche zwischen Deutscher Bank und der britischen Lloyds TSB steht demnach unter keinem guten Stern.

Dagegen begrüßen die Anteilseigner laut Schiereck, wenn eine Bank einen Finanzdienstleister kauft. Als Beispiel nennt er die Akquisitionen der Dresdner Bank, die das Londoner Brokerhaus Kleinwort Benson und den Investmentberater Wasserstein Perella kaufte. Die Übernahme der Dresdner durch die Allianz war indes nicht Gegenstand der Studie, da hier ein Versicherer, keine Bank, der Käufer war.

Bankmanager können die Ergebnisse praktisch nutzen: "Wie der Markt eine Fusion aufnimmt, lässt sich teilweise vorhersehen", sagt Professor Wahrenburg. Wer dies beachtet, vermeidet womöglich einen Kurssturz beim nächsten Deal.

So reagieren Anleger verärgert, wenn eine große, renditeschwache Bank einen kleinen, wachstumsstarken Konkurrenten kauft. "Die Aktionäre nehmen an, dass der Käufer seine schwache Rentabilität auf das Übernahmeziel überträgt", sagt Wahrenburg. Mehr versprechen Transaktionen, bei denen eine erfolgreiche Bank einen "gefallenen Star" kauft. "Hier gehen die Investoren davon aus, dass der starke Partner das Fusionsobjekt erfolgreich saniert", so Wahrenburg.

Allerdings gilt diese Regel nur bis zu einem bestimmten Punkt, fanden die Wissenschaftler heraus. "Es scheint, dass Übernahmen von finanziell extrem schwachen Instituten den Käufern eher schaden", sagt Professor Wahrenburg. Der Grund könne sein, dass solche Transaktionen oft auf politischen Druck erfolgen. Und die Aktionäre des gedrängten Käufers leiden, wenn ihre Bank ein marodes Haus mit vielen Leichen im Keller schluckt. Dieses Ergebnis scheint wie gemünzt auf die Schmidt-Bank, die kürzlich von einem Bankenkonsortium vor der Pleite gerettet werden musste. Bald zeigte sich, dass die Sanierung mit über einer Milliarde Euro mehr als doppelt so viel kostet wie zunächst erwartet. "Für die Aktionäre von Hypo-Vereinsbank, Dresdner und Deutscher Bank war das eine böse Überraschung", sagt Wahrenburg.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%