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Wissenschaftler: Ludwig II. war «bausüchtig»DPA-Datum: 2004-06-26 10:09:32

Mannheim/Heidelberg (dpa) - Ludwig II., sagenumwobener bayerischer «Märchenkönig», litt nach Einschätzung eines Mannheimer Psychologen nicht unter Geistesschwäche und Paranoia, sondern unter «Bausucht».

Mannheim/Heidelberg (dpa) - Ludwig II., sagenumwobener bayerischer «Märchenkönig», litt nach Einschätzung eines Mannheimer Psychologen nicht unter Geistesschwäche und Paranoia, sondern unter «Bausucht».

Nach Angaben der Universität Heidelberg hat Heinz Häfner, Gründer des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim und Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, den «Fall Ludwig» aus psychiatrischer und historischer Sicht neu aufgerollt. Die Diagnose Paranoia und Geistesschwäche, die zur Zwangsinternierung des Königs am Starnberger See geführt habe, sei nach Häfners Ansicht heute nicht mehr zu halten, teilte die Universität am Freitag mit.

Ludwig II. (1845 bis 1886), der prunkvolle Schlösser wie Neuschwanstein bauen ließ und dabei hohe Schulden auftürmte, wurde am 8. Juni 1886 für unheilbar geisteskrank und dauerhaft regierungsunfähig erklärt und entmündigt. Er wurde nach Berg am Starnberger See gebracht, wo er am 13. Juni ertrank oder im Wasser an einem Herzschlag starb.

Nach Häfners Ansicht hatten die Gutachter den König nicht beobachtet und untersucht - allein die Berichte der Regierung und die teilweise grotesken Aussagen der Höflinge seien Grundlage der Beurteilung gewesen. Leistungen und Fähigkeiten des Königs seien nicht berücksichtigt worden. Auch habe nach dem Tod Ludwigs einer der drei Gutachter Zweifel an der Diagnose geäußert. «Häfner belegt aus zweifelsfreien Quellen, dass bei Ludwig II. keine Zeichen von Geistesschwäche und einer paranoiden Psychose vorlagen», teilte die Universität mit. Schon früher hatten Wissenschaftler vermutet, dass der König nicht geisteskrank gewesen war.

Nach Angaben der Hochschule kommt der Wissenschaftler nun zu dem Schluss, dass Ludwig ein zunehmendes und ungewöhnliches Suchtverhalten entwickelte, um seinen inneren Konflikten zu entkommen: «Er wurde "bausüchtig". Er zeigt in evidenter Weise alle Merkmale einer "nicht substanzgebundenen Sucht", wie sie auch für Glücksspieler typisch sind.» Sein Bezug zum Geld sei am Ende verloren gegangen, und all sein Tun sei nur noch darauf ausgerichtet gewesen, neue Mittel zu beschaffen. Zudem hätten ihn seit seiner Jugend Ängste vor Menschen geplagt. «Er litt unter einer Sozialphobie, die sich mit den Jahren unter dem Einfluss der Schuld- und Schamgefühle wegen seiner homoerotischen Neigungen deutlich verschlechterte.» Dieses Leiden habe zunehmend zum Rückzug aus Gesellschaft und Politik geführt.

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