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WLAN oder UMTS? Welche Anwendung ist hier die Frage

Ein von Techno-Anarchos vernetztes System autonomer Mailboxen war das Biotop, in dem das Internet zu seiner ersten Blüte reifte. Werden die Spiel- und Spaß-Netze der W-LAN-Pioniere eine ähnliche Rolle spielen? Und die kommerziellen UMTS-Betreiber damit gleichzeitig an die Wand?

Ersteres es ist ein ernst zu nehmener UMTS-Konkurrent, behauptet Stephan Sempert.

Reisen bildet, so heißt es. In Schwedens Hauptstadt Stockholm jedenfalls kann man sich ein Bild vom neuen WLAN-Phänomen machen. Im Flughafen, in Cafés und Hotels, auf öffentlichen Plätzen: An mehr als 50 "Hot-Spots" kann, so man sein Notebook mit einer WLAN-Karte für rund 150 ? ausgestattete hat, sich mit dem Internet verbinden. Und hat damit schon heute eine bessere drahtlose Verbindung als UMTS sie jemals bieten wird. Revolutionär?

Mitnichten. Die WLAN-Technologie löst ein gewiss sehr lästiges aber auch sehr banales Problem: Man erspart sich den Kabelsalat lokaler Netzwerkverbindungen. Das begeistert die Strippenzieher in Unternehmen genauso wie die nomadisierenden Knowledge-Worker, zu Recht. Verlässt man allerdings die derzeit 100 Meter Reichweite dieses Knotens, dann reißt die Verbindung ab. Mobile Anwendungen lassen sich so nicht realisieren.

Aber aber, heißt es da aus der Ecke der schnell zu begeisternden: Wenn man all die WLAN-Knoten miteinander verbinden täte, dann könne man doch aus all diesen einzelnen lokalen Netzen ein globales bauen? Sicher, am besten noch mit nahtloser Übergabe von Netzknoten zu Netzknoten und Roaming in verschiedenen regionalen Netzen? Und, weil man natürlich doch irgendwann auch Geld verdienen muss, zentraler Abrechnung?

Eben. Der Aufbau und Betrieb eines flächendeckenden Mobile Multimedia Netzes auf der Basis der WLAN Technologie würde letztlich einen ähnlichen Overhead erfordern wie die UMTS-Technologie. WLANs sind eine faszinierende Technologie, die allen, die lieber im Caféhaus sitzen als im Büro an ihrem Computer arbeiten eine völlig neue Beweglichkeit gibt. Gewiss, die eine oder andere erträumte UMTS-Anwendung erübrigt sich damit. Aber der Schwerpunkt der WLAN Anwendung ist ein anderer, der ergänzend aber nicht ersetzend sein wird. Weswegen es auch nicht weiter verwundert, dass das WLAN-Netz in Stockholm von einem der großen europäischen Telco-Providern betrieben wird: Telia.

Apropos Reisen: In Indien nutzt das Media Lab Asia die WLAN Technologie um in ländlichen Gegenden einen Internet-Anschluss bieten zu können. Dafür montieren sie WLAN-Sender auf Busse, die wiederum per Funk mit dem Netz eines Internet-Providers verbunden werden. Mindestens zweimal täglich können die Bauern so Agrar- und Wetternachrichten empfangen. So werden Graswurzel-Revolutionen gemacht!

Trotz LAN-Bussen und Laptops mit IEEE 802.11-Schnittstelle: An UMTS führt kein Weg vorbei, meint Olaf Deininger

Die Hardware-Hersteller stöhnen bereits auf. Denn das Versprechen allumfassender Konvergenz, das Zusammenwachsen von Standards und Schnittstellen, entwickelt sich augenblicklich immer mehr zu einer der unausrottbaren modernen Legenden. Denn diese Industrie kämpft gegen die reine Divergenz. Wie viele Schnittstellen und Übertragungsstandards sollen die Gerätschaften der Zukunft denn noch unterstützen? GMS, GPRS, UMTS, Bluetooth fürs "Personal Area Network", der "IEEE 802.11"-Standard für wireless LANs, die gute alte Infrarotschnittstelle namens IrDA sowie am Ende noch den DECT-Standard, den Sie von Ihrem digitalen schnurlosen Telefon in Ihrer Wohnung kennen - um nur einige zu nennen.

Man hat Zweifel, dass dies alles allein schon technisch integrierbar ist. Und man hat Zweifel - erhebliche sogar - dass der Anwender diese ins Kraut geschossene Vielfalt an Schnittstellen überhaupt managen möchte und managen kann. Sie erinnern sich an die beliebte Frage unter uns Technik-Laien, wer denn seinen Videorekorder überhaupt programmieren könne. Die Ahnungslosen sind hier immer in der Mehrheit.

Sicher wird es einige Manager geben, die in den Business-Lounges der Flughäfen per breitbandiger wLAN-Anbindung ihre Mails abrufen, im Internet ein wenig recherchieren oder einfach nur schauen, ob die Firmen-Webseite noch online ist. Solche Leute werden - erstens - über genügend Mittel verfügen, ihre mobilen Computer mit wirklich allem, was sinnvoll sein könnte ausstatten zu lassen (und eine wahre Armada von Kabeln, Adaptern, PCMCIA-Karten, zusätzlichen Steckplätzen usw. mit sich herumtragen), sie werden sich - zweitens - von kompetenten Trainern im Handling dieser Möglichkeiten schulen lassen. Da diese Anwender - drittens - chronisch keine Zeit und dafür die notwendigen Budgets haben, werden sie sich auch eine wLAN-Anbindung leisten können, egal wo und ganz gleich was das kostet.

Doch man sollte die Business-Class nicht unbedingt für einen Massenmarkt halten. Denn ich glaube nicht, dass deutsche Touristen auf dem Weg zum Ballermann unbedingt einen Hot-spot mit breitbandigem Internet-Zugang brauchen, um den Kurs ihrer Telekom-Volksaktie zu checken. Und wer das in dieser Zielgruppe trotzdem tut, der hat andere Gründe, die meistens mit ganz direkter Kommunikation vor Ort zu tun haben.

Sicher wird es Hot-Spos mit wLAN-Anbindung geben. Und sicher wird das möglicherweise auch ein einträgliches Geschäft, wenn auch eines um Centsbeträge. Doch zum Massengeschäft wird es einen umfassenden Standard brauchen, der Zugang aller Gerätschaften ermöglicht. Auch wenn der noch ein wenig auf sich warten lässt.

Schreiben Sie den Autoren: olaf.deininger@mediaone-hh.de Stephan@Sempert.net

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