"WM-Feinschliff erst in Japan"
Völler sendet erste Notsignale

Rudi Völler kann den alarmierenden Fitness-Zustand der deutschen Nationalspieler nur noch mit Galgenhumor ertragen und hat notgedrungen erste Konsequenzen in der WM-Vorbereitung gezogen.

dpa WINDEN. "Der WM-Feinschliff wird erst in Miyazaki stattfinden", sagte der leidgeprüfte DFB-Teamchef angesichts der vielen Verletzungsfälle 19 Tage vor dem ersten Spiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft am 1. Juni in Sapporo gegen Saudi-Arabien.

Die Hoffnung, während des laufenden Trainingslagers sowie bei den noch ausstehenden Testspielen am Dienstag (20.45 Uhr/ARD) in Cardiff gegen Wales und am kommenden Samstag in Leverkusen gegen Österreich seine WM-Wunschformation zu finden, hat Völler aufgegeben. Längst haben sich die Prioritäten verschoben. "Ich hoffe, dass ich am 22. Mai auch mit den 23 Spielern nach Japan fliegen kann, die ich nominiert habe", reduzierte Völler seine Wünsche auf ein Minimum.

In "Rudis Schwarzwald-Klinik", wie die "Bild am Sonntag" das DFB - Quartier im badischen Winden titulierte, herrscht Hochbetrieb bei Ärzten und Physiotherapeuten. Als neuer Patient kam am Wochenende Stürmer Carsten Jancker hinzu. Torwart Oliver Kahn hatte seinen Teamkollegen von Bayern München am Samstag beim Training außerhalb des Strafraums umgetreten. In einem Wettkampfspiel wäre der Kapitän für das brutale Foul vom Platz geflogen. Kahn war "total schockiert" über seine zwar ungewollte, aber doch fahrlässige Aktion, die Völler mit einem gequälten Spruch kommentierte: "Klassischer Fehler von mir - eine Minute zu spät abgepfiffen."

Zum Glück überstand Jancker den Tritt seines Bayern-Teamkollegen mit einer vergleichsweise harmlosen Blessur. Kapselverletzung am Sprunggelenk des rechten Fußes lautete die Diagnose der DFB-Ärzte. "Gott sei Dank ist nichts kaputt", atmete Völler auf. Am Sonntag stand Jancker schon wieder auf dem Trainingsplatz: "Carsten ist ein harter Junge", freute sich Völler, dem die Serie von Verletzungen dennoch allmählich unheimlich wird. "Im Moment ist es ein bisschen zu oft, das ist nicht der Normalfall", stöhnte er.

Die Liste mit Namen, hinter denen für das erste WM-Spiel ein Fragezeichen steht, wird immer länger. Neben Jancker sind Christian Wörns, Marko Rehmer, Sebastian Deisler, Marco Bode und Christian Ziege mehr oder weniger große "Pflegefälle". Dazu kommen die Sorgen um das physisch und nach dem verlorenen DFB-Pokalfinale erst recht psychisch am Boden liegende WM-Quintett von Bayer Leverkusen. Am Mittwoch bestreiten Michael Ballack und Co. außerdem erst noch das Champions-League-Finale gegen Real Madrid, über das Völler meinte: "Man freut sich eigentlich auf ein schönes Endspiel. Mein wichtigster und einziger Gedanke ist, dass sich keiner verletzt."

Wenigstens musste der Teamchef Christian Wörns nicht aus seinen WM-Planungen streichen. Bei einer Arthroskopie am linken Knie des 30- Jährigen wurde am Samstag in Straubing "kein gravierender Schaden" festgestellt, teilten die Ärzte mit. Lediglich entzündetes Gewebe am Meniskus wurde entfernt. Schon in einer Woche soll Wörns wieder ins Training einsteigen können. Dennoch wird es für den deutschen Meister bis zum 1. Juni ein problematischer Wettlauf mit der Zeit werden. Doch nach dem Ausfall von Abwehrchef Jens Nowotny (Kreuzbandriss) benötigt Völler den erfahrenen Innenverteidiger unbedingt. "Ein Ausfall von Nowotny und Wörns wäre bitter", bestätigte Völler.

Neben den bekannten Sorgen im Angriff ist zwei Tage vor dem vorletzten WM-Testspiel die Abwehr zum personellen Krisengebiet geworden. Denn auch die Fitness von Rehmer gibt immer neue Rätsel auf. Eine Sehnenentzündung am operierten Sprunggelenk macht einen Comeback-Versuch gegen Wales wiederum unmöglich. Trotzdem betonte Völler: "Marko Rehmer macht mir eigentlich keine große Sorge."

Sebastian Deisler soll trotz einer Oberschenkel-Prellung in Wales wieder auflaufen. Auch die Rekonvaleszenten Christian Ziege und Marco Bode sind für einen ersten Wettkampftest verfügbar. Außerdem stehen Völler der Schalker Pokalsieger Gerald Asamoah und England-Legionär Dietmar Hamann, der am Samstag noch für den FC Liverpool im Einsatz war, im Millennium-Stadion erstmals zur Verfügung. Wie groß dennoch die Not ist, beweist diese Maßnahme: Die sieben "U 21-Lehrlinge" müssen auch gegen Wales erneut aushelfen. "Alle fliegen mit nach Cardiff", entschied Völler am Tag vor dem Flug am Montagnachmittag.

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