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Wo bleibt die Revolution?

Die Griechen sind ein erfrischend aufmüpfiges Volk. Wer einmal gesehen hat, wie ein Verkehrssünder den Polizisten, der ihm ein Knöllchen geben will, zur Schnecke macht, der ahnt: vor vermeintlichen Autoritäten kapitulieren die Hellenen nicht so leicht.

Die Griechen sind ein erfrischend aufmüpfiges Volk. Wer einmal gesehen hat, wie ein Verkehrssünder den Polizisten, der ihm ein Knöllchen geben will, zur Schnecke macht, der ahnt: vor vermeintlichen Autoritäten kapitulieren die Hellenen nicht so leicht. Wenn ihnen was nicht passt, protestieren sie. Umso mehr wundert es mich, mit welcher Langmut, ja Leidensfähigkeit sie das unsägliche Serviceniveau der öffentlichen Dienstleister hinnehmen. Ob der Strom ausfällt oder das Telefon tot ist, der Briefträger tagelang nicht kommt oder die staatliche Fluggesellschaft Olympic Airways ihre Passagiere endlos warten lässt: die meisten Griechen nehmen es als Schicksal hin. Die türkischen Besatzer haben die Griechen Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Land vertrieben, die italienischen Eroberer haben die Hellenen 1941 heldenhaft zurückgeschlagen, gegen die Obristendiktatur 1973 einen Aufstand angezettelt. Streiks und Proteste sind Lebenselixiere für die Grieche n. Aber wo bleibt die Revolte gegen die staatliche Elektrizitätsgesellschaft DEI, die ihre Kunden immer wieder mit Blackouts quält? Wann erhebt sich die Nation gegen das Fernmeldeunternehmen OTE, das Störungen erst nach Tagen behebt, oder die staatliche Post, auf deren Ämtern das Publikum endlos auf die Abfertigung durch mürrisches Personal wartet, bevor die Türen bereits um 14.00 Uhr geschlossen werden?

Dabei ist der miserable Service der meisten öffentlichen Versorger in Griechenland nur eine Seite der Medaille. Die andere ist noch dunkler. In diesem Jahr werden die staatseigenen Versorger und Verkehrsunternehmen rund 2,1 Milliarden Euro Verlust machen. Das entspricht fast 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Von Jahr zu Jahr wächst der Schuldenberg, den die Staatsbetriebe anhäufen - allein seit 2003 von 9,4 auf inzwischen 11,8 Milliarden Euro.

Zu den schlimmsten Beispielen gehört Olympic Airlines. Seit der Verstaatlichung 1975 hat die Luftlinie nur Verluste eingeflogen. Allein in den vergangenen zwölf Jahren hat sie Steuergelder von über zwei Milliarden Euro verbrannt. Als ein hoffnungsloser Fall gelten auch die Staatsbahnen OSE. Zyniker behaupten, das Unternehmen habe mehr Beschäftigte als Fahrgäste. Das ist zwar übertrieben, aber die Wirklichkeit ist traurig genug: im vergangenen Jahr erlöste das Unternehmen im Fahrscheinverkauf knapp 89 Millionen Euro. Allein die Personalkosten aber beliefen sich auf über 300 Millionen. Die Bahn sitzt auf einem Schuldenberg von fast fünf Milliarden Euro. In diesem Jahr werden Verluste von weiteren 550 Millionen dazukommen. Auf etwa 460 Millionen Euro dürfte sich 2005 das Defizit der Athener Verkehrsbetriebe belaufen.

Trotz der katastrophalen Finanzlage vieler Staatsunternehmen wird dort keineswegs schlecht verdient. Mit rund 45 000 Euro liegen die durchschnittlichen Jahresgehälter bei Olympic, den E-Werken, der Hellenic Telekom und den Athener Verkehrsbetrieben deutlich über dem Landesdurchschnitt von 26 200 Euro. Überdies kassieren die meisten öffentlichen Beschäftigten wegen ihres Beamten ähnlichen Status hohe Pensionen und sind praktisch unkündbar. Anstellungen bei den Staatsunternehmen sind deshalb sehr gefragt.

Und hier liegt auch die Antwort auf die Frage, warum die Griechen das miese Serviceniveau und die horrenden Defizite dieser Unternehmen relativ klaglos akzeptieren. Jahrzehnte lang haben Politiker aller Parteien ihre Klientel mit gut dotierten, krisenfesten Jobs bei den Staatsbetrieben umgarnt. Wenn ein Abgeordneter einem Schulabgänger aus seinem Wahlkreis eine Anstellung bei der Post oder den E-Werken verschaffte, sicherte ihm das die Stimmen einer ganzen Großfamilie. Und so hat tatsächlich fast jede griechische Familie einen nahen Angehörigen bei der Fernmeldegesellschaft, den Wasserwerken oder der Post. Das stimmt offenbar versöhnlich, wenn das Telefon mal wieder tot ist, kein Wasser fließt oder der Briefträger ausbleibt.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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