Wo steckt Saddam?
Das Rätsel von Bagdad

Die Spur von Saddam Hussein verliert sich im Norden von Bagdad an einer stählernen Brücke über den Tigris. Während US- Panzertruppen am 9. April schon weite Teile der irakischen Hauptstadt kontrollierten, hat sich der 66-Jährige wenige Stunden vor dem Sturz als Machthaber im Viertel Adamija vor der großen Moschee Abu Hanife letztmals der Öffentlichkeit gezeigt - wenn er es war.

HB/dpa BAGDAD. Doch Parwin (42), damals Augenzeugin und nur auf Armlänge von dem Mann entfernt, zweifelt keine Sekunde daran, dass sie ihm wirklich begegnete. Seitdem fragen Iraker und die Häscher des US-Militärs: "Wo steckt Saddam?"

"All die Jahre habe ich ihn gehasst, doch als er hier mitten im Krieg und der Anspannung auftauchte, musste ich weinen und jubeln", sagt die Frau. Saddam habe seine Personenschützer laut vernehmbar angewiesen, die Anwohner durch Stacheldraht vorzulassen. Sein Sohn Kusai und Verteidigungsminister Sultan Haschim Ahmed seien dabei gewesen. "Ich war auf der Straße, lief hin und stand schließlich nur einen Meter entfernt in der Menge. Die Leute haben ihn auf Händen getragen. Ich habe seine Tätowierungen gesehen. Er war es."

Auch die US-Militärführung, die mutmaßliche Verstecke Saddams mehrfach mit Bomben und Raketen hat angreifen lassen, hält ein Überleben Saddams inzwischen für wahrscheinlicher. "Die meisten sind wohl der Meinung, dass er noch am Leben ist. Damit müssen wir uns befassen", sagte US-Generalstabschef Richard Myers in einem Interview. Und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärt, das Abtauchen Saddams könne den Widerstand im Irak ermutigen. Dort sind hochmobile US-Spezialeinheiten stationiert, die jederzeit zugreifen könnten, wenn sie den Aufenthaltsort wüssten.

Viel mehr als Spekulationen gibt es aber auch rund zehn Wochen nach seinem Verschwinden nicht. Der Präsident des Irakischen Nationalkongress (INC), Ahmed Chalabi, will erfahren haben, die Nummer eins auf der US-Fahndungsliste sei zuletzt vor etwa drei Wochen zwischen den Provinzen Dijala und Tikrit gesehen worden. Saddam bezahle Geld für Angriffe auf US-Truppen. Doch amerikanische Offiziere haben skeptisch reagiert. Die in London erscheinende arabische Tageszeitung "Al-Quds Al-Arabi" hat einen angeblichen Brief mit einer Warnung Saddams an Ausländer im Irak und die Staaten der Koalition gegen sein Regime veröffentlicht.

Noch zwei Tage vor dem Sturz habe General Maher Sufian el Tikriti, ein Chef der inneren Sicherheitstruppe Saddams, auf dem besetzten Flughafen Bagdads über einen geordneten Rückzug seines Präsidenten verhandelt, berichtet die auflagenstarke Tageszeitung der Schiiten, "El Adale" (Bagdad) am Dienstag. Dabei ist dem Bericht zufolge von irakischer Seite mit Drohungen eines blutigen Straßenkampfes im Bagdad gepokert worden, der dann aber nicht stattfand. Die US- Offiziere hätten sich auf eine geordnete Ausreise von Saddam und seinen Gefolgsleuten nicht eingelassen.

"Er kann sich monatelang, wenn nicht jahrelang versteckt halten, auch hier in Bagdad. Das würde mich nicht wundern", sagt ein irakischer Ex-Diplomat. Denn Saddam hat Zugriff auf Geld und ein Netzwerk von Unterstützern. Das gilt bereits als Schlüssel zum erfolgreichen Verschwinden des wegen Kriegsverbrechen gesuchten Radovan Karadzic, einst Führer der bosnischen Serben, oder des Terroristenchefs Osama bin Laden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%