Wo und wie Sponsoren und Sport in Salt Lake City zusammenkommen
Chapeau für den Mikrogott

Viele der an Olympia beteiligten Nationen und Regionen haben eigene Treffpunkte für die Abende eingerichtet. Teuer ist es bei den Schweizern und Thüringern, lecker bei den Österreichern und Deutschen. Letztere haben auch das beste Unterhaltungsprogramm - dank Hausclown.

SALT LAKE CITY. Arbeitsamt-Atmosphäre. Ja, sieht schon etwas nach Behörde aus. Und entsprechend unwohl fühlt man sich schon beim Reingehen. Doch stopp. Die beiden Japaner lassen keine Zweifel aufkommen: Bis hierhin und nicht weiter. "Sie benötigen eine Einladung", sagen sie. Und sie lächeln, wie sie immer lächeln. Ins Japan-House in Salt Lake City kann man nicht einfach so reinmarschieren. Macht aber nichts, an japanischen Restaurants mangelt es in Utahs Metropole eh nicht. Was soll man da noch in den verkappten Amtsstuben, die zum Olympia-Treffpunkt für Sportler und Sponsoren umfunktioniert worden sind?

Nach dem Sayonara geht s rüber auf die andere Straßenseite. Hier haben sich die Slowaken eingemietet in einem kleinen Café. Ein paar Broschüren liegen aus, ansonsten ist niemand zu sehen. Hat offenbar seinen Grund, dass die Lokalität eher mickrig daherkommt. Mehr Platz benötigen die Schweizer, die - auch ganz in der Nähe - ein französisches Restaurant (wie sinnig) gebucht haben. Dort gibt s Zürcher Geschnetzeltes, Hobelkäse und den Olympischen Dessertteller. Die Betreiber haben Poster mit historischen eidgenössischen Wintersport-Motiven an die Wände gehängt und kündigen sogleich an, dass diese nach den Winterspielen käuflich zu erwerben sind - für 100 Dollar. Die Schweiz war noch nie billig, hier jedoch scheint dann doch eine Null zu viel im Spiel zu sein. Immerhin gibt es viele freundliche Sponsoren - laut hausinterner "Swiss-News" auch die Swissair. Vielleicht also eine verspätete Sammelaktion für die einstige Vorzeige-Airline?

Schwedisches Restaurant im österreichischen Haus

Ob auch Tomax klamm ist, wissen wir nicht. Die Softwarefirma fungiert jedenfalls als Gastgeber im Island- Haus. Die ersten drei Stockwerke des Gebäudes wirken im Prinzip wie das Land selbst. Menschenleer ist der schicke Parkettboden, jede Menge Büroflächen sind noch zu mieten. Erst oben auf Ebene vier findet sich jener Bereich, der den Nordlichtern zum Relaxen zur Verfügung steht. Tomax-Chef Eric Olafson erzählt stolz, dass das "Angebot von den Sportlern gern angenommen wird".

Das sagen sie eigentlich alle, natürlich auch die Österreicher. Die haben sich in ein schwedisches Restaurant (wie sinnig) eingemietet und bieten schmackhafte Wiener Schnitzel und all das andere, was das Land so zu bieten hat. Der ORF hat einen Teil der Lokalität bezogen und legt kleine Gummibärchen-Tüten aus, deren Inhalt nur noch bis kurz nach Olympia haltbar ist. Musste wohl weg.

Trotzdem ist es den Organisatoren gelungen, zumindest einen Hauch alpenländischer Gemütlichkeit in den Laden zu bekommen. Schließlich haben sie - kein Witz - sogar die Tische aus dem Musikantenstadl mitgebracht. Die eigentlichen Restaurant-Tische genügten den Anforderungen der erfolgreichen Skination nicht.

Organisiert wird das Austria-House traditionell von der Wirtschaftskammer. Seit 1960 in Squaw Valley gibt es bei Olympischen Winterspielen und alpinen Ski-Weltmeisterschaften diese Einrichtung, die für Sportler, Firmenvertreter und Journalisten gedacht ist. "Bei der Standortsuche war ganz wichtig, dass wir nahe am Pressezentrum liegen", sagt Marketing-Direktor Gottfried Marckhgott. Ob Japaner, Schweizer, Slowaken oder Isländer: alle sind mit ihren olympischen Dependancen fußläufig vom Main Media Center erreichbar und unterstreichen dadurch, dass es ihnen auch um möglichst große Publizität geht. Obwohl, bei den lächelnden Japanern dürfte die Nähe zu den Medien eher Zufall sein.

Wo die Mormonen sogar Alkohol trinken

Anders die Österreicher. Sie erzählen den Journalisten gern, wie ihre Unternehmen am Rande der olympischen Bande Kontakte zu möglichen amerikanischen Partnern knüpfen. Rund 600 Mormonen, die einst ihre zweijährige Missionszeit in Österreich verbrachten und heute nicht selten wichtige Positionen in US-Firmen bekleiden, kamen dieser Tage zu einem süffigen Abend mit österreichischen Wirtschaftsführern zusammen. "Das war eine erfolgreiche Geschichte. Da sind viel versprechende Gespräche geführt worden", freut sich Marckhgott. Beim österreichischen Wein ignorierten viele Mormonen, so berichten Augenzeugen, sogar ihr Alkoholverbot. Dafür und für die komplette Aktion in Salt Lake gab die Wirtschaftskammer guten Gewissens 500 000 Euro aus.

Rund 400 000 Euro veranschlagt der Landessportbund Thüringen als Betreiber des für jedermann zugänglichen Thüringen-Hauses. Das liegt am Rande der Innenstadt und bietet die bekannten Rostbratwürstchen, Schwarzbier und vieles mehr, was in den Augen der Amerikaner Deutschland ausmacht. Entsprechend stammt die große Mehrheit der täglich 500 Gäste aus den USA, wie Hausherr Rolf Beilschmidt berichtet. Die Besucher haben kein Problem damit, dass es hier die "teuerste Bratwurst der Welt" gibt. Vier Dollar kostet das deftige kulinarische Angebot.

Die Thüringer berichten noch immer stolz von Nagano, wo es eine Art heimatliches Schützenzelt gab. In der Folge sollen mehr japanische Touristen an den Rennsteig gekommen sein, jetzt hofft man auf US-Zulauf. Anders als vor vier Jahren gibt es keinen Medaillenspiegel, in dem Thüringen als eigenes Land aufgeführt wird. "Davon halte ich nichts", betont Beilschmidt. Wichtiger ist, mit Medaillen dekorierte Landsleute in dem schmucklosen Auktionshaus zu präsentieren. Doch das gelingt nicht immer.

Der tägliche Angermann als Highlight

Schließlich gibt es Konkurrenz in Form von zwei deutschen Häusern. Eines tagsüber in Park City in einem Tennisklub, das andere für den Abend einige Hundert Meter vom Olympischen Dorf und drei Meilen von Downtown entfernt. Ins Alumni-Haus mit guter Küche schaut schon mal der Innenminister rein, gerne auch Ministerpräsidenten, der Adidas-Chef, Daimler-Vorstände oder Tengelmann-Prominenz.

Die wirklichen Höhepunkte sind jedoch die täglichen Pressekonferenzen mit dem einstigen Fernsehjournalisten Klaus Angermann. Der Mikrogott, wie er genannt wird, bringt als Leiter der Pressekonferenzen Vornamen, Daten, Fakten und eigentlich alles durcheinander. Er steigt nach Medaillengewinnen vor Freude auf seinen Stuhl, stößt sich den Kopf, taucht schon mal ganz in Weiß wie ein Notarzt auf und ist eine wunderbare Besetzung als Hausclown. Muss man gehört und gesehen haben. Und daher soll es Journalisten geben, die nur wegen Angermann ins Deutsche Haus kommen.

Chapeau, würde Klaus wohl sagen.

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