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Wohin in Athen...

...wenn, wie dieser Tage, das Thermometer schon vormittags die 35-Grad-Marke nimmt? Zu den heißesten und grellsten Orten Athens gehört der mit weißem Marmor geflieste Syntagmaplatz.

...wenn, wie dieser Tage, das Thermometer schon vormittags die 35-Grad-Marke nimmt? Zu den heißesten und grellsten Orten Athens gehört der mit weißem Marmor geflieste Syntagmaplatz. Wer hier Abkühlung sucht, könnte sich in den Springbrunnen in der Platzmitte stürzen oder durch die Wasserspiele an der Nord- und Südseite waten. Für Geschäftsreisende ist das aber sicher keine Option. Wer im noblen Hotel Grande Bretagne am Syntagmaplatz abgestiegen ist, kann sich glücklich schätzen. Das Traditionshaus hat im Zuge der jüngsten Renovierung auch ein luxuriöses Spa und einen Swimmingpool auf dem Dach bekommen. Bei Zimmerpreisen von deutlich über 200 Euro strapaziert eine Übernachtung im Grande Bretagne allerdings das Reisekostenbudget erheblich.

Wer sich daher scheut, auch nur die Eingangstreppe dieser Luxusherberge zu betreten, sollte vielleicht zum Parlamentsgebäude heraufgehen, das die Ostseite des Platzes flankiert. Der klassizistische Bau wurde 1836 bis 1840 nach Plänen des deutschen Architekten Friedrich Gärtner als Schloss für den ersten Griechenkönig Otto von Wittelsbach errichtet. Wer von hier aus der Amalias-Avenue folgt, kommt nach knapp 100 Metern zum Eingangstor des Nationalgartens - mein Tipp für heiße Tage in Athen.

Hohe Königspalmen flankieren das Portal. Schon nach wenigen Schritten glaubt man sich in einer anderen Welt. Gedämpft durch das dichte Blattwerk der Bäume und Sträucher dringt der sonst in Athen ohrenbetäubende Verkehrslärm nur als fernes Rauschen in den Park. Das Plätschern kleiner Wasserläufe mischt sich mit dem vielstimmigen Vogelkonzert aus den Baumwipfeln. Viele Athener, die in den umliegenden Büros und Geschäften arbeiten, suchen in der Mittagspause unter dem Schattendach der hohen Bäume Zuflucht vor der glühenden Hitze. Hier ist die Temperatur immer um einige Grad kühler als draußen auf dem Platz. Manche zelebrieren hier sogar eine richtige Siesta, strecken sich auf einer der Parkbänke oder auf dem Rasen aus und halten einen Mittagsschlaf. Andere treffen sich in dem kleinen Kafenion, dem Freiluft-Kaffeehaus in der Nordwestecke des Parks. Hier schlürft man unter einem schattigen Laubengang den "Elliniko", den nach tschwarzen griechischen Mokka, oder zischt ein kühles Bier.

Verschlungene Pfade schlängeln sich durch den Garten, und wer sich nicht auskennt, verliert leicht die Orientierung. In einer der entlegensten, schönsten Ecken stößt man auf das kleine klassizistische Gebäude des Botanischen Museums. Es erzählt die Geschichte dieses Gartens, der nach dem Bau des benachbarten Schlosses von der damaligen Königin Amalia angelegt wurde. Mit der Planung beauftragte Amalia den Franzosen Francois-Louis Bareaud. Er entwarf einen Landschaftsgarten im Stil der deutschen Romantik. Königin Amalia ließ tausende Bäume aus vielen Teilen Europas nach Athen bringen. Friedrich Schmitt, ein Botaniker, der mit den Wittelsbachern nach Griechenland gekommen war, umsorgte fast 50 Jahre lang als "Oberhofküchengärtner" die Pflanzen des Parks. Im Laufe der vergangenen 150 Jahre ist der Garten zu einer Wildnis herangewachsen. Fein geharkte Kieswege sucht man hier ebenso vergeblich wie sauber getrimmte Rasenkanten. Gerade das aber macht den Charme des Nationalgartens aus, dieser kühlen Oase in der Athener Betonwüste.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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