Wohin steuert Asiens bettelarmer Zwerg?
Ost-Timor vor erster Wahl

Die stummen Zeugen des Horrors sind noch allgegenwärtig in Dili: Kein Straßenzug ohne schwarze Fassaden, rußige Fensterhöhlen, geborstene Einfahrtstore. Erst zwei Jahre ist es her, dass die Handlanger Jakartas in einer Terrororgie Ost-Timors lang ersehnte Freiheit von Indonesien zu ersticken suchten. Bis zu 7 000 Menschen starben dabei.

dpa DILI. Doch dieser Tage sind die Straßen Dilis tadellos gefegt, inmitten von Trümmern und brütender Mittagshitze grasen Ziegen. Nun soll die erste Parlamentswahl an diesem Donnerstag die bettelarme Inselhälfte der Eigenständigkeit einen entscheidenden Schritt näher bringen. Die Prognosen über das Schicksal Ost-Timors allerdings könnten unterschiedlicher nicht sein.

Einen "Test für die politische Reife" der Bevölkerung nennt der Chef der UN-Übergangsverwaltung (UNTAET), Sergio Vieira de Mello, gerne die Wahl. Und dass der Streit der 16 Parteien gewaltfrei blieb, nimmt der Brasilianer als Beweis der bestandenen Prüfung. Inzwischen wisse immerhin der Großteil der rund 400 000 Wahlberechtigten, um was es eigentlich geht - eine Verfassungsgebende Versammlung aus 88 Mitgliedern zu bestimmen, aus der später das erste Parlament hervorgeht und die den Termin für die Präsidentenwahl festlegt.

Was die Vereinten Nationen Ende Oktober 1999 vorfanden, war nichts als Zerstörung, Leid - und eine gigantische Aufgabe. Nachdem sich die übergroße Mehrheit der Ost-Timorer in einem UN-Referendum für die Unabhängigkeit von Indonesien nach 24 Jahren Besatzung ausgesprochen hatte, legten pro-indonesische Milizen mit Hilfe des Militärs Dili in Schutt und Asche, jagten die Bevölkerung ins benachbarte West-Timor und in die Berge. Vier Jahrhunderte portugiesische Kolonialherrschaft und brutale Unterdrückung nach der Annektierung durch Indonesien 1976 hatten die Inselhälfte schon zuvor in Armut sinken lassen.

Schrittweiser Rückzug der UN geplant

"Wir können hier eigentlich nicht von Wiederaufbau sprechen, weil es nichts wieder aufzubauen gab", sagt de Mello. Durch die rund 8 000 Mann starke Blauhelm-Truppe, mehr als 1 400 UN-Polizisten und etwa 1000 ständiges Personal sei nicht nur die öffentliche Sicherheit wieder hergestellt, sondern auch der Aufbau von Institutionen und Verwaltung auf dem Weg. Rund 584 Mill. $ (1,25 Mrd.. DM/636 Mill. Euro) lässt sich das die UNTAET allein in diesem Jahr kosten - Geld, das nach Meinung vieler Beobachter in Dili den wirtschaftlich todkranken Patienten von der ungefähren Größe Schleswig-Holsteins zumindest vorerst künstlich am Leben hält.

Der ökonomische Puls regt sich dort, wohin die Millionen der internationalen Geber fließen oder Mitarbeiter von Hilfsorganisationen ihre Gehälter lassen. Cafes, Restaurants und sogar zwei Hotelschiffe im Hafen mit allnächtlichem Disco-Betrieb geben ausreichend Gelegenheit. Wer wie die meisten der rund 800 000 Ost-Timorer weniger als einen Dollar am Tag verdient, muss eben draußen bleiben.

Schon planen die Vereinten Nationen ihren schrittweisen Rückzug im Anschluss an die Wahl und die endgültige Unabhängigkeit Anfang nächsten Jahres. Doch von einem möglichen Kollaps des blutarmen kleinen Landes will UNTAET-Chef de Mello nichts wissen. "Wir werden nicht einfach davonlaufen", versichert er. "Wir lassen niemanden hängen."

Das sehen nicht alle so. "Wenn die UN verschwindet, endet das alles hier wie Somalia", meint ein australischer Banker in Dili. "Ohne die UN gibt es keine Wirtschaft." Und die Verbitterung unter westlichen Geschäftsleuten ist groß über die Weltgemeinschaft. "Die Vereinten Nationen interessieren sich nur für sich selbst", heißt es bei vielen.

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